Guten Morgen

Der 17-jährige Witalij aus der Moskauer Oblast interessiert sich sehr für Chemie. In der Schule bekommt er stets gute Noten in diesem Fach und belegt regelmäßig den ersten Platz bei schulinternen und regionalen Chemiewettbewerben.
Auch außerhalb der Schule frönt er dieser Leidenschaft: In der Wohnung seiner Eltern hat er ein kleines Labor aufgebaut, in dem er Experimentierte durchführt. Oft kommt es zu kleineren Explosionen.
Die hellhörigen Nachbarn sind alarmiert und informieren den Inlandsgeheimdienst FSB. Daraufhin findet eine Wohnungsdurchsuchung statt. Witalij und seine Eltern werden angehalten, eine Schweigeerklärung zu unterschreiben.
Wenige Tage später, am 24. April wirft sich Witalij aus dem Fenster. In einer Abschiedsnotiz äußert er seine Verzweiflung, dass der Staat talentierte Jugendliche nicht brauche.
Von seinen Lehrern wird er als “ruhig, aber im Innern verletztlich” beschrieben.
* * * *
Den Mitgliedern eines Blindenvereins in der Stadt Chimki bei Moskau wurde vom Regionalbüro der Partei “Einiges Russland” ein speziell angefertigtes taktiles Porträt von Wladimir Putin geschenkt.

Kommt Ihnen die Geschichte irgendwie bekannt vor?
Mir auch.

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Wenn der Staat die eigene Bevölkerung wie Dreck behandelt

Im Jahr 2000 bezeichnete Putin die Ehefrauen der auf dem Atom U-Boot “Kursk” umgekommenen Seeleute als “bezahlte Prostituierte”.
Die Mütter der 2004 beim Terroranschlag in Beslan umgekommen Kinder wurden vor Gericht gestellt, nachdem sie 2016 eine Trauerkundgebung organisiert haben.
Als vor einer Woche dutzende Kinder in der Stadt Wolokolamsk mit Gasvergiftungen aus der nahen Mülldeponie in Krankenhäuser eingeliefert wurden, versammelte sich eine riesige Menschenmenge und forderte eine Stellungnahme der Verantwortlichen, des Bürgermeisters der Stadt und des Gouverneurs der Moskauer Oblast.
Als Antwort wurden mehrer Polizeihundertschaften und SEK vorgeschickt, die die Menge vom Gouverneur abschirmten, der wortlos zum gepanzerten Wagen ging, während ihm empörte Aufrufe und ein Paar Schneebälle hinterhergeworfen wurden.
Jetzt eine weitaus schrecklichere Tragödie: Der Brand in einem Einkaufs- und Freizeitzentrum im sibirischen Kemerowo.
Es ist von weitaus mehr Opfern als den offilziell bestätigten 64 die Rede, tausende Menschen haben sich im Stadtzentrum versammelt und fordern Aufklärung: über ALLE Opfer, über die Verantwortlichen für den katastrophalen Brandschutz, die Kinobetreiber, die die Türen des Kinos zusperrten, damit sich kein Kind ohne Ticket in die Vorführung von “Gnomeo und Julia 2” reinschleicht. Als das Feuer losging konnten die (meist jungen) Zuschauer nicht raus. Sie haben ihre Eltern angerufen und sich vor ihnen verabschiedet.

Vor diesem Hintergrund wirft Sergej Ziwilew, der Vizegouverneur der Oblast Kemerowo bei der heutigen Kundgebung Igor Wostrikow vor, er wolle bloß PR für sich machen.
Igor Wostrikow hat beim Brand fünf Angehörige, darunter drei Kinder, verloren.
Ziwilews Chef, der langjährige Gouverneur Tuleev sagte bei einem Gespräch mit Putin über die Demonstranten: “Da sind heute ca. 200 Personen. Das sind gar keine Angehörigen, sondern Krawallmacher. Es ist eine Schande, dass man im Moment der Trauer seine eigenen Probleme lösen will.”

Gestern ist Tuleev nicht zum Unglücksort gekommen. Seine Begründung: Sein Autokorso würde die Rettungsarbeiten behindern.

Update: Mittlerweile wurde zwar ein russlandweiter Trauertag ausgerufen, aber es hindert einen anderen Vize-Gouverneur der Kemerower Oblast nicht daran, die gestrige Massenkundgebung als “eine durchgeplante, gelenkte Aktion zur Diskreditierung der Staatsgewalt” darzustellen.

Hetze aus Staatsräson

Hetze aus Staatsräson: Wenn sich jemand abweichend vom “Grundkonsens” äußert, sich Gedanken macht, sich nicht von platten und hirnlosen Parolen beeinflussen lässt, sondern von Werten wie Humanismus und Mitgefühl leiten lässt, dann hat die Person es schwer.

Sie wird niedergebrüllt, als “Verräter” und “Feind” abgestempelt, Abgeordnete des Parlaments, beauftragen die Polizei, die Worte auf Extremismus zu überprüfen, Lehrer werden verdächtigt, ihrem Schüler “ideologisch zersetz”, “ihm falsche und schädliche Wertvorstellungen” eingepflanzt zu haben.

Das alles hat sich in den letzten Tagen wirklich zugetragen. Nachdem der Schüler Nikolaj Desjatnitschenko am Volkstrauertag eine Rede im Bundestag gehalten hat, ist in Russland ein Sturm ausgebrochen. Für die Paar Tage war sein Satz vom “unschuldig gefallenem Faschisten” die größte Bedrohung für die russländische Staatlichkeit, am Mythos des “Großen Sieges” zehrende patriotische Zombies haben Angefangen ihn der Rehabilitierung des Faschismus (=Nazismus) zu beschuldigen, der Polizei wurde von zwei Duma-Abgeordneten aufgetragen sich “der Sache” anzunehmen.
Die Mühe, sich zu informieren, den ganzen harmlosen, vielleicht etwas naiven und an ein Paar Stellen ein wenig ungeschickt formulierten Text des Schülers durchzulesen, haben sich die wenigsten gemacht.
Von der Tatsache, dass Putin letztes Jahr bei einem Treffen mit deutschen und russischen Schülern faktisch die gleiche banale Wahrheit (“Im Krieg sterben immer unbeteiligte, daher sind Kriege schlimm und unzulässig.”) verkündete, ganz abgesehen.

Aber dieser Fall ist nicht der einzige, der das kranke Verhältnis der russländischen Gesellschaft zum 2. Weltkrieg offenbart: Vor einigen Jahren hatte die Leitung einer Buchhandlung in Moskau enorme Probleme, weil sie das bekannte und großartige graphic novel “Maus” von Art Spiegelman ausgestellt hat. Der Vorwand, der irgendwelche scheinheiligen pseudomoralischen Holzköpfe aus dem Parlament aufgeregt hat: Auf dem Buchdeckel war ein Hakenkreuz abgebildet.
Hakenkreuz = “Verherrlichung des Faschismus”.

Ich wiederhole es nochmal: “Maus”, wohl eines der besten Werke zum Thema 2WK und Holocaust wurde einer “Propaganda des Faschismus” verdächtigt.

Leider ist es nicht der erste Fall, dass es in Russland bei Äußerungen von Einzelpersonen, die nicht der ofiziellen Vorstellung von Moral, Trauer etc. zu massiver Hetze durch die Öffentlichkeit, PolitikerInnen und Massenmedien kommt. Ich erinnere an den Fall von Bozhena Rynska und Arkadij Babtschenko vor gut einem Jahr, als sie sich kritisch zum Absturz eines Flugzeugs geäußert haben.

Moskau: Junge wegen Gedichtaufsagen festgenommen

“Im Zentrum von Moskau, im Arbatviertel, hat die Polizei einen Jungen festgenommen (unbestätigten Informationen zufolge soll er zehn Jahre alt sein). Er war mit seiner Mutter unterwegs, sie saß auf einer Bank und las ein Buch, er sagte ein Gedicht auf. Plötzlich fuhr die Polizei vor und der Junge wurde ohne Erklärungen in das Polizeiauto gesetzt. Dies teilte OWD-Info der Vater des Jungen mit.
Der Junge wurde der Mutter mit Gewalt entrissen und in das Polizeirevier Arbat gebracht (er fuhr ohne seine Eltern im Polizeiauto). Dem Vater zufolge wurde der Junge wegen Bettelns festgenommen. Der Mutter droht eine administrative Verfolgung wegen Widerstand gegen die Polizei. Dem Vater wurde gedroht, eine administative Verfolgung wegen Beleidigung der Polizei aufzunehmen.”
Mal'chika uvodjat

Quelle: OWD-Info (Original auf Russisch meine Übersetzung), ein Netzwerk, welches Polizeiwillkür, unrechtmäßige Festnahmen bei Demos u.ä. dokumentiert, Verfolgten Anwälte zur Seite stellt etc. Alleine die Tatsache, dass so eine Seite nötig ist, zeigt klar und deutlich, zum abertausendsten Mal, dass Russland ein willkürlicher und grausamer Unrechtsstaat ist. Man denkt jedes Mal, es gehe nicht schlimmer, bis ein Kind seinen Eltern auf offener Straße weggenommen und ihnen juristischen Konsequenzen gedroht wird. Bravo, das ist genau der richtige Weg: Die Menschen wie der letzte Dreck zu behandeln, als wenn die Zerschlagung aller Freiheiten und Grundrechte, das Stehlen von Milliarden aus dem Haushalt, um sich teure Villen zu bauen, das Abknallen, Vergiften mit Polonium, Verätzen mit Brilliantgrün, Verprügeln von Kritikern, das Starten einer öffentlichen Hetze und eines Krieges, welcher im ehemals nächsten und engsten Staat zehntausende von Opfern fordert, als wenn all das nicht genug wäre. Macht ruhig weiter so, aber werft zuvor vielleicht noch einen Blick ins Geschichtsbuch, wenn die Jahreszahl 17 bei euch keine Assoziationen weckt.

PS: Immer und immer wieder, die letzten drei Jahre nahezu täglich, werden meine Eltern in ihrer Entscheidung bestätigt, ihrerzeit nicht in diesem Land geblieben zu sein und mir und meiner Schwester das Aufwachsen dort erspart zu haben.
Dafür bin ich ihnen dankbar.

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“Ich würde Deutsch allein deswegen lernen, weil Putin es gesprochen hat” Pjöngjang? Nein, Moskau, 23.02.2017

Russia Has Surpassed the Soviet Union: I Would Only Learn German Because Putin Spoke It Liana Turpakova Vechorka February 24, 2017 Russian TV channels were dominated by the February 23 holiday yesterday. The topic of war and patriotism was off the scale at a concert held to mark the holiday, as broacast on Channel One. I watched […]

via Defenders of the Fatherland: Yunarmiya and the Personality Cult — The Russian Reader

Repressionen gegen die “Mütter von Beslan”

Heute Nacht wurden fünf Frauen in der nordossetischen Stadt Beslan zu jeweils 20 Stunden Sozialarbeit bzw 20.000 Rubel Strafe verurteilt. Der Grund: Sie sind gestern, am zwölften Jahrestag der Geiselnahme in der Schule Nummer 1, auf der Gedenkveranstaltung für die Opfer, also ihre eigenen Kinder, mit T-Shirts erschienen, auf denen “Putin – Henker von Beslan” stand. Sie fordern eine Aufklärung der genauen Umstände der Erstürmung der Schule durch russische Militäreinheiten, die 385 Opfer, darunter 186 Kinder, gefordert hat und dass die Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen werden.
Die einzige Antwort, die der Staat diesen Frauen, diesen Müttern am Jahrestag ihrer Tragödie bereithält sind blaue Flecken, Schläge, 14,5 Stunden im Gewahrsam, Gerichtsverfahren bis drei Uhr nachts und Verurteilungen nach den Paragraphen 20.2 (unerlaubte (Protest)Aktion) и 19.3 (Widerstand gegen Polizeimitarbeiter) des Strafgesetzbuches.

Update: Zwei der verurteilten Mütter, Ella Kesaewa und Swetlana Margiewa, sowie die Journalistinnen Jelena Kostjutschenko und Diana Chatschatrjan, die von der Protestaktion, der Festnahme und der Verurteilung der Frauen berichteten, wurden heute in Beslan angegriffen. Die Frauen wurden im Sportsaal der Schule von Personen in zivil umringt, die ihnen Mobiltelefone und Kameras abnahmen, als sie versuchten, die Umzingelung zu filmen. Kostjuchenko wurde mit einem ätzenden grünen Desinfiktionsmittel übergossen, Chatschatrjan hat man auf den Kopf geschlagen. Die Polizei soll nichts unternommen haben, um die Angreifer zu fassen.

Russische Bildungsministerin: Stalinismus und “traditionelle Werte”

“Stalin war trotz aller Fehler eine Wohltat für den Staat, weil er vor dem Krieg die Nation einte und die russische Sprache und Kultur propagierte, was im Großen und Ganzen den Kriegsgewinn ermöglichte.”

“Die Politik während Präsidentschaft Wladimir Putins ist ein ausgewogener Rationalismus und die Rückkehr zum Konservatismus. Der öffentliche Aufruf zur Rückkehr zu traditionellen Werten verläuft parallel dazu, dass viele Länder Europas uns als die letzte Festung des Traditionalismus ansehen.”

“Die Frage nach der Liebe zur Heimat ist ein enorm wichtiger Bestandteil sowohl des erzieherischen als auch des weltanschaulichen Bereichs. Ich erinnere, das Wort “Patriotismus” stammt von dem griechischen “patris” und bezeichnet die Liebe zum Vaterland. Das wichtigste in der Übersetzung aus dem griechischen ist die Möglichkeit und das Streben, seine Interessen den Interessen der Heimat unterzuordnen.”

Olga Vasilieva, frischgebackene russische Bildungsministerin.