“Illegaler Umsturz” in LNR: Kafka kann einpacken

Herrlich: Allen Anschein nach erfolgt eine Invasion der “Volksrepublik Lugansk”(LNR) durch die “Brüder” aus DNR (“Volksrepublik Donezk”): Soldaten ohne Erkennungszeichen die Verwaltungsgebäude besetzen, Militärwagenkolonnen, ein LNR-Innenminister, der sich weigert, vom (noch) LNR-Chef Plotnizkij entlassen zu werden…
Kurzum, alles wie im Frühjahr ’14, als gegen “banderofaschistische Horden” aus der Restukraine mobil gemacht wurde. Nun scheint die “Idylle” zwischen den beiden Pseudorepubliken im Donbass nach fast 4 Jahren vorbeizusein. Die größere Schlange frisst die kleinere und Russland juckt es nichtmal, sollen die “nützlichen Idioten” doch selber klarkommen.
Und wie immer bei diesem Thema kann ich mir nicht verkneifen, den Journalisten Arkadij Babtschenko zu zitieren: “Wenn du einen verbrecherischen terroristischen Quasistaat aufbaust, wirst du natürlich gut leben. Aber nicht lange.”

UPD: Anscheinend ist Plotnizkij nach Russland geflohen . Scheint sich eine feine Sammlung zu ergebn, zuerst Janukowitsch, jetzt er. Wer kommt als nächstes, Mugabe? 😀
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Und noch was schönes: Der tschechische Präsident Miloš Zeman, pilgert zum wiederholten Mal nach Moskau um Putin in den Arsch zu kr seine Bewunderung und Hochachtung auszusprechen.
Gleichzeitig wird in einem Text des ofiziellen Nachrichtenportals der russländischen Armee die Ansicht vertreten, der Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag 1968 sei richtig gewesen.
“Zeman bezeichnete den Beitrag am Mittwoch als eine „Tat eines hirnlosen journalistischen Spinners“.”

Naja, wenn man sich schon bei einem Autokraten anbiedert, indem man z.B. die Krim-Annexion rechtfertigt, dann sollte man sich nachher nicht wundern, wenn man selber auf die Schnauze fliegt.

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Hetze aus Staatsräson

Hetze aus Staatsräson: Wenn sich jemand abweichend vom “Grundkonsens” äußert, sich Gedanken macht, sich nicht von platten und hirnlosen Parolen beeinflussen lässt, sondern von Werten wie Humanismus und Mitgefühl leiten lässt, dann hat die Person es schwer.

Sie wird niedergebrüllt, als “Verräter” und “Feind” abgestempelt, Abgeordnete des Parlaments, beauftragen die Polizei, die Worte auf Extremismus zu überprüfen, Lehrer werden verdächtigt, ihrem Schüler “ideologisch zersetz”, “ihm falsche und schädliche Wertvorstellungen” eingepflanzt zu haben.

Das alles hat sich in den letzten Tagen wirklich zugetragen. Nachdem der Schüler Nikolaj Desjatnitschenko am Volkstrauertag eine Rede im Bundestag gehalten hat, ist in Russland ein Sturm ausgebrochen. Für die Paar Tage war sein Satz vom “unschuldig gefallenem Faschisten” die größte Bedrohung für die russländische Staatlichkeit, am Mythos des “Großen Sieges” zehrende patriotische Zombies haben Angefangen ihn der Rehabilitierung des Faschismus (=Nazismus) zu beschuldigen, der Polizei wurde von zwei Duma-Abgeordneten aufgetragen sich “der Sache” anzunehmen.
Die Mühe, sich zu informieren, den ganzen harmlosen, vielleicht etwas naiven und an ein Paar Stellen ein wenig ungeschickt formulierten Text des Schülers durchzulesen, haben sich die wenigsten gemacht.
Von der Tatsache, dass Putin letztes Jahr bei einem Treffen mit deutschen und russischen Schülern faktisch die gleiche banale Wahrheit (“Im Krieg sterben immer unbeteiligte, daher sind Kriege schlimm und unzulässig.”) verkündete, ganz abgesehen.

Aber dieser Fall ist nicht der einzige, der das kranke Verhältnis der russländischen Gesellschaft zum 2. Weltkrieg offenbart: Vor einigen Jahren hatte die Leitung einer Buchhandlung in Moskau enorme Probleme, weil sie das bekannte und großartige graphic novel “Maus” von Art Spiegelman ausgestellt hat. Der Vorwand, der irgendwelche scheinheiligen pseudomoralischen Holzköpfe aus dem Parlament aufgeregt hat: Auf dem Buchdeckel war ein Hakenkreuz abgebildet.
Hakenkreuz = “Verherrlichung des Faschismus”.

Ich wiederhole es nochmal: “Maus”, wohl eines der besten Werke zum Thema 2WK und Holocaust wurde einer “Propaganda des Faschismus” verdächtigt.

Leider ist es nicht der erste Fall, dass es in Russland bei Äußerungen von Einzelpersonen, die nicht der ofiziellen Vorstellung von Moral, Trauer etc. zu massiver Hetze durch die Öffentlichkeit, PolitikerInnen und Massenmedien kommt. Ich erinnere an den Fall von Bozhena Rynska und Arkadij Babtschenko vor gut einem Jahr, als sie sich kritisch zum Absturz eines Flugzeugs geäußert haben.

Propaganda tötet

Vorletzte Woche kam in Russland die TV-Serie “Die Schläfer” raus. Darin geht es um dunkle Machenschaften der CIA die ausnahmslos alle oppositionellen Kräfte in Russland bezahlt und unter Kontrole hat: NGO-Mitarbeiter, Blogger, Journalisten, “liberale” Politiker… kurzum alle, die in den letzten Jahren in Russland als “Nationalverräter” und Feinde des Staates verunglimpft, tätlich angegriffen und bedroht werden.

Vor zwei Wochen wurde vom staatlichen Sender “Rossija 24” eine Reportage ausgestrahlt in der der liberale Radiosender “Echo Moskwy”( = “Echo Moskaus”) als Agent des US-Außenministeriums hingestellt worden ist.

Heute drang ein Mann in die Redaktion von “Echo Moskwy” ein und verletzte die Moderatorin Tatjana Felgengauer mit einem Messer am Hals.

Propaganda tötet. Egal, vermeintliche Feinde im Aus- (“ukrainische Faschisten) oder Inland(“US-Agenten” “Vaterandsverräter”) das Ziel sind.

41076749_303 So sieht Sergej Jolkin die Wirkung der Propaganda russischer Staatsmedien
(Bildquelle: DW Russian )

In Donezk wurde der Journalist und Politologe Roman Manekin entführt. Unbekannte, die sich als lokale Polizisten vorgestellt haben, hätten sich gewaltsam Zugang in seine Wohnung verschafft, nachdem zuvor Internet, Strom und Licht abgestellt worden waren, schreibt Semjon Kusmenko, der Ex-“Verkehrsminister” von DNR (“Donezker Volksrepublik”).
Manekin war ein glühender Anhänger der selbsternannten “Republik” im Osten der Ukraine, war als “Berater der Regierung von DNR” tätig.
So meinte er, dass die “Armee des Donbass” weder vor den Gebietsgrenzen von Donezk und Lugansk, noch vor der Stadt Mariupol halt machen würde, sollte die ukrainische Armee “unter Einfluss der USA” Donezk angreifen.
Außerdem drohte er, der Donbass würde aus der Kontrolle von Putin-Berater Wladislaw Surkow, der für die Koordination der Beziehungen des Kreml zu seinen Marionetten zuständig ist, austreten.
Und dieser wundervolle Mensch wurde jetzt entführt, wahrscheinlich von Donezker MGB(=Ministerium für Staatssicherheit).
Nun ja, wenn man mit allen Kräften ein terroristisches, den Großmacht- und Zweiter Weltkriegsphantasien eines KGB-Hauptmanns mit Napoleonkomplexen entsprungenes Marionettenregime unterstützt, dann sollte man sich auch nicht wundern, wenn es einen selbst erwischt.

Zur Stalins Zeit, im Sommer waren es genau 80 Jahre seit Beginn des Großen Terrors 1937, wurden hochrangige Speichellecker und Parteifunktionäre, die gestern noch mit Schaum vor dem Mund gefordert haben, “Volksfeinde wie tollwütige Hunde zu erschießen” massenweise nachts abgeholt und entweder sofort an die Wand gestellt, oder zuvor noch gefoltert. Alle Beteuerungen, es liege ein Fehler, man müsse bloß Genosse Stalin bescheid geben, sei selber ein treuer Bolschewik etc. etc. haben da nichts geholfen.

Das Kalaschnikow-Gewehr als Kulturexport

Allen, die denken, Russland wolle den Frieden, man müsse nur auf das Land zugehen, den Dialog suchen, Sanktionen aufheben, die Bestzung der Krim als “dauerhaftes Provisorium”(c)CL akzeptieren und und und… diesen Leuten würde ich mal empfehlen, sich ins Moskauer Zentrum zu begeben.
Dort wurde heute eine riesige Statue des Ingeneurs und Waffenkonstrukteurs Michail Kalschnikow enthüllt.
Der “Kultur”minister Medinskij hielt eine Eröffnungsrede in der es u.a. hieß, Kalschnikow verkörpere die besten Tugenden eines russischen Menschen und das Gewehr sei eine Art russische kulturelle Marke (er benutzte das englische Wort “brand”).
Eine Art kulturelle Marke, Karl.
Gleichzeitig versucht die Moskauer Stadtverwaltung zu verhindern, dass ein kleines Schild zur Erinnerung an den im Frühjahr 2015 erschossenen Oppositionspolitiker Boris Nemzow an seinem Wohnhaus angebracht wird, obwohl sich alle Hausbewohner dafür ausgesprochen haben.
Die offizielle Begründung: Nach dem Tod einer Person müssen mindestens 10 Jahre vergehen, bevor Erinnerungstafeln u.ä. angebracht werden dürfen.
Kalaschnikow ist vor 4 Jahren gestorben und hat keinerlei persönlichen Bezug zu Moskau.
21616230_1907910039224841_9142232035626639492_n Photocollage des Karikaturisten Sergej Jolkin

Im Grunde ist es ganz einfach

Klare Worte von Alexander Scherba:
“Kleine Widmung an Putinversteher…

Nazi Deutschland hat 20 Millionen Russen im 2. Weltkrieg auf dem Gewissen! Und dass mindestens ein Drittel davon Ukrainer waren, dass der Krieg gegen die UdSSR vor allem auf ukrainischem Territorium geführt wurde – kümmert uns einen Dreck. Der Führer nannte sie “Russen”, also nennen wir sie Russen auch! Die von Putin getöteten Tschetschenen, Ukrainer, Georgier, die Krim-Annexion, die Kriege unter dem Vorwand der Verteidigung der ethnischen Minderheiten, der Polonium im Tee kümmert uns ebenso wenig. Im Krim-Referendum hat Putin mehr Stimmen gekriegt als Hitler in Österreich – also welche Zweifel?
Die getöteten russischen Journalisten und Politiker, die Schwulen in Tschetschenien, das tägliche “wollen wir Berlin und Paris wieder bombardieren” in den Talk-Shows – schwamm drüber! Die werden das doch nicht tun! Die brauchen es bloß für ihren Stolz! Die NATO war zu weit gegangen. Der Iraq war nicht genehmigt. Also mussten 11000 Ukrainer sterben und Übertausende bluten. Putin musste es tun, es ging nicht anders! Und überhaupt, es sind letztendlich nicht wir die bluten. Die Ukrainer leiden sowieso, also warum denn daran nicht kräftig verdienen?
Nicht unser Problem. Weg mit den Sanktionen!”

Dieser Moment, wenn die Hauptdarstellerin einer beliebten sowjetischen Rotkäppchen-Verfilmung heutzutage bei Facebook gegen LGBT (“[…] Mein verhasstestes Wort ist Toleranz: damit werden schwerwiegende politische Entscheidungen begründet und menschliche Abweichungen maskiert. […]”) und Ukrainer (“kindermordende Viecher und Abschaum”) hetzt.