Guten Morgen

Der 17-jährige Witalij aus der Moskauer Oblast interessiert sich sehr für Chemie. In der Schule bekommt er stets gute Noten in diesem Fach und belegt regelmäßig den ersten Platz bei schulinternen und regionalen Chemiewettbewerben.
Auch außerhalb der Schule frönt er dieser Leidenschaft: In der Wohnung seiner Eltern hat er ein kleines Labor aufgebaut, in dem er Experimentierte durchführt. Oft kommt es zu kleineren Explosionen.
Die hellhörigen Nachbarn sind alarmiert und informieren den Inlandsgeheimdienst FSB. Daraufhin findet eine Wohnungsdurchsuchung statt. Witalij und seine Eltern werden angehalten, eine Schweigeerklärung zu unterschreiben.
Wenige Tage später, am 24. April wirft sich Witalij aus dem Fenster. In einer Abschiedsnotiz äußert er seine Verzweiflung, dass der Staat talentierte Jugendliche nicht brauche.
Von seinen Lehrern wird er als “ruhig, aber im Innern verletztlich” beschrieben.
* * * *
Den Mitgliedern eines Blindenvereins in der Stadt Chimki bei Moskau wurde vom Regionalbüro der Partei “Einiges Russland” ein speziell angefertigtes taktiles Porträt von Wladimir Putin geschenkt.

Kommt Ihnen die Geschichte irgendwie bekannt vor?
Mir auch.

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Zumindest etwas Gutes…

Eine positive Entwicklung der Geschichte um den Memorial-Aktivisten Jurij Dmitriew:
Heute Morgen wurde Dmitriew nach einem Jahr und einem Monat aus der Untersuchungshaft entlassen. Die Ermittlungen gegen ihn laufen jedoch immer noch, er hat sich verpflichtet, das Land nicht zu verlassen.
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(Bildquelle: (c)Anna Artemjewa/ “Nowaja gaseta”)

Die Geister der Vergangenheit

“Juri Dmitrijew muss ein „Wahnsinniger“ sein. Das sagen Freunde und Kollegen über ihn, und sein Werdegang legt es nahe: Akribisch und detailversessen, ohne große Institutionen und Gelder im Hintergrund, forschte und grub er in Archiven und in Erdhügeln nach Toten aus der Zeit des Großen Terrors. Er sorgte dafür, dass die Ermordeten und anonym Begrabenen wieder einen Namen und einen Gedenkort bekamen.
Mit seinen Nachforschungen hat Dmitrijew ein Tabu gebrochen, denn bis heute ist die Zeit des Großen Terrors kaum aufgearbeitet.

Am 13. Dezember 2016 wurde Juri Dmitrijew verhaftet. Der ungeheure Vorwurf lautet: Kinderpornographie. Dabei werden ihm Fotografien zur Last gelegt, die er vor einigen Jahren von seiner Pflegetochter machte. 2008 hatte er das damals dreijährige Mädchen zu sich genommen.
Die Anschuldigungen und der Prozess erregten großes Aufsehen, viele Beobachter zweifeln die Vorwürfe an, glauben an eine Kampagne, um Dmitrijew zum Schweigen zu bringen. Eine Petition wurde gestartet, zahlreiche Prominente wie der Musiker Boris Grebenschtschikow, die Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja oder der Regisseur Andrej Swjaginzew setzten sich für Dmitrijew ein, bislang ohne Erfolg: Der Prozess geht am kommenden Dienstag weiter. Dmitrijew, der sich nun auch an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gewandt hat, drohen bis zu 15 Jahre Haft.

Schura Burtin hat mit Freunden und Weggefährten Dmitrijews gesprochen, ist den Spuren des Mannes in die dunkle sowjetische Vergangenheit gefolgt.
Seine Reportage über den „Fall Chottabytsch“, wie Dmitrijew wegen der äußeren Ähnlichkeit mit dem in Russland populären Flaschengeist genannt wird, wurde viel gelesen und diskutiert.”

http://www.dekoder.org/de/article/dimitrijew-terror-solowezki-gulag

Vorgestern wurde auf dem Roten Platz die Aktionskünstlerin Katrin Nenaschewa festgenommen. Sie trug im Rahmen der Aktion “Zwischen hier und dort” eine virtual reality-Brille, in der Fotos aus russischen “psychoneurologischen Internaten” gezeigt wurden.
Der Polizist kommentierte die Festnahme mit den Worten: “Man darf sich auf einem öffentlichen Platz nicht in einer virtuellen Realität befinden. Das ist die reale Welt.”
Aber etwas positives hat die Sache: Ganz Prag braucht jetzt keine externen Energiequellen, weil Kafka in seinem Grab rotiert wie zehn Turbinen.

Jahr für Jahr das gleiche Bild…

Heutige Festnahme eines Demonstranten auf dem Marsfeld in Sankt-Petersburg.
Der Text auf der Stele ist ein Zitat des sowjetischen Volkskommisars für Bildung Anatolij Lunatscharskij: “Vom Boden der Erniedrigung, der Not und des Unwissens bist du, Proletarier, auferstanden, dir Freiheit und Glück zu verschaffen. Du wirst die ganze Menscheit beglücken und aus der Sklaverei befreien.”
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(Quelle: Meduza, Foto von David Frenkel)

“Welches Verbrechen hat der Straßenprinz begangen?”

fragt sich der Journalist Aleksandr Minkin in seinem Blog auf der Seite des Radiosenders “Echo Moskwy”: “Folgende Nachricht ist eingetroffen: Im Mosakuer Zentrum hat die Polizei mit Gewalt einen Jungen festgenommen und weggefahren, der auf der Straße Gedichte vorgetragen hat. […]
Anfang Mai habe ich diesen Jungen auf dem Arbat[1] gesehen, er trug Hamlets Monolog “Sein oder nicht sein” vor.  Es war erstaunlich, denn er trug ihn mit Gefühl vor. Nicht wie ein Papagei, nicht wie , sondern mit Gefühl. Wenn auch etwas ungekonnt, das Atmen nicht gut beherrschend…

Er trank nicht in einer Hauseinfahrt, rauchte nicht, kritzelte keine Schimpfwörter auf Zäune. Er trug Passanten Shakespeare vor. Er verbesserte die Lage im Land. Wenn auch nur ein wenig, verbesserte er sie. Er tat das, was nicht ein einziges Mal, zum Beispiel der russische Premierminister geschafft hat.
Die Passanten gaben ihm ein wenig Geld, aber er ist kein Armer. Kein Bettler. 
Er ist ein Straßenkünstler. Ein Straßenprinz.

Die Polizei schnappte ihn am hellichten Tag. Die Straße war so hell.
Dem Kind drohte überhaupt keine Gefahr.

Man sieht so etwas und im Kopf schwirrt nur ein druckreifes Wort: Abschaum. Der Rest ist Mat[2] .”

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Moskau: Junge wegen Gedichtaufsagen festgenommen

“Im Zentrum von Moskau, im Arbatviertel, hat die Polizei einen Jungen festgenommen (unbestätigten Informationen zufolge soll er zehn Jahre alt sein). Er war mit seiner Mutter unterwegs, sie saß auf einer Bank und las ein Buch, er sagte ein Gedicht auf. Plötzlich fuhr die Polizei vor und der Junge wurde ohne Erklärungen in das Polizeiauto gesetzt. Dies teilte OWD-Info der Vater des Jungen mit.
Der Junge wurde der Mutter mit Gewalt entrissen und in das Polizeirevier Arbat gebracht (er fuhr ohne seine Eltern im Polizeiauto). Dem Vater zufolge wurde der Junge wegen Bettelns festgenommen. Der Mutter droht eine administrative Verfolgung wegen Widerstand gegen die Polizei. Dem Vater wurde gedroht, eine administative Verfolgung wegen Beleidigung der Polizei aufzunehmen.”
Mal'chika uvodjat

Quelle: OWD-Info (Original auf Russisch meine Übersetzung), ein Netzwerk, welches Polizeiwillkür, unrechtmäßige Festnahmen bei Demos u.ä. dokumentiert, Verfolgten Anwälte zur Seite stellt etc. Alleine die Tatsache, dass so eine Seite nötig ist, zeigt klar und deutlich, zum abertausendsten Mal, dass Russland ein willkürlicher und grausamer Unrechtsstaat ist. Man denkt jedes Mal, es gehe nicht schlimmer, bis ein Kind seinen Eltern auf offener Straße weggenommen und ihnen juristischen Konsequenzen gedroht wird. Bravo, das ist genau der richtige Weg: Die Menschen wie der letzte Dreck zu behandeln, als wenn die Zerschlagung aller Freiheiten und Grundrechte, das Stehlen von Milliarden aus dem Haushalt, um sich teure Villen zu bauen, das Abknallen, Vergiften mit Polonium, Verätzen mit Brilliantgrün, Verprügeln von Kritikern, das Starten einer öffentlichen Hetze und eines Krieges, welcher im ehemals nächsten und engsten Staat zehntausende von Opfern fordert, als wenn all das nicht genug wäre. Macht ruhig weiter so, aber werft zuvor vielleicht noch einen Blick ins Geschichtsbuch, wenn die Jahreszahl 17 bei euch keine Assoziationen weckt.

PS: Immer und immer wieder, die letzten drei Jahre nahezu täglich, werden meine Eltern in ihrer Entscheidung bestätigt, ihrerzeit nicht in diesem Land geblieben zu sein und mir und meiner Schwester das Aufwachsen dort erspart zu haben.
Dafür bin ich ihnen dankbar.

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