Das Kalaschnikow-Gewehr als Kulturexport

Allen, die denken, Russland wolle den Frieden, man müsse nur auf das Land zugehen, den Dialog suchen, Sanktionen aufheben, die Bestzung der Krim als “dauerhaftes Provisorium”(c)CL akzeptieren und und und… diesen Leuten würde ich mal empfehlen, sich ins Moskauer Zentrum zu begeben.
Dort wurde heute eine riesige Statue des Ingeneurs und Waffenkonstrukteurs Michail Kalschnikow enthüllt.
Der “Kultur”minister Medinskij hielt eine Eröffnungsrede in der es u.a. hieß, Kalschnikow verkörpere die besten Tugenden eines russischen Menschen und das Gewehr sei eine Art russische kulturelle Marke (er benutzte das englische Wort “brand”).
Eine Art kulturelle Marke, Karl.
Gleichzeitig versucht die Moskauer Stadtverwaltung zu verhindern, dass ein kleines Schild zur Erinnerung an den im Frühjahr 2015 erschossenen Oppositionspolitiker Boris Nemzow an seinem Wohnhaus angebracht wird, obwohl sich alle Hausbewohner dafür ausgesprochen haben.
Die offizielle Begründung: Nach dem Tod einer Person müssen mindestens 10 Jahre vergehen, bevor Erinnerungstafeln u.ä. angebracht werden dürfen.
Kalaschnikow ist vor 4 Jahren gestorben und hat keinerlei persönlichen Bezug zu Moskau.
21616230_1907910039224841_9142232035626639492_n Photocollage des Karikaturisten Sergej Jolkin

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“Patriarch Kyrill I. hat am Montag bei einer Rede an der Universität im kirgisischen Bischkek die Ehe für alle mit Gesetzen aus dem Nationalsozialismus verglichen. Das berichtet die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti.

Demnach würde die Gleichbehandlung von Schwulen und Lesben im Ehe-Recht in vielen westlichen Ländern gegen das “moralische Wesen des Menschen verstoßen und daher Empörung hervorrufen wie Gesetze aus Nazi-Deutschland”, so Kyrill, der seit 2009 als Patriarch von Moskau das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche ist.

Der 70-Jährige behauptete ferner, dass in Ländern, in denen die Ehe geöffnet wurde, die Moral generell geschwächt werde. Deshalb gebe es viele Menschen, die genauso gegen die Ehe für alle rebellierten wie gegen “faschistische Gesetze oder gegen die Apartheid”. Er orakelte, dass Gesellschaften, die Schwule und Lesben trotz der Proteste aus dem Volk gleich behandeln, zusammenbrechen würden. Er glaube aber, dass die Ehe für alle nur eine vorübergehende Erscheinung sei.” (Quelle: Queer.de)

Naja, wie das Land, so auch das Kirchenoberhaupt.
Wobei es wahrscheinlich sinnlos wäre, vom ehemaligen KGB-Offizier Gundjaew (so der weltliche Nachname Kyrills) in seinem Leben “wahre christliche” Werte wie Demut, Offenheit, Toleranz u.ä. zu erwarten. So wird ihm ein großangelegter Handel mit als “Humanitärhilfe” ausgegebenen und daher von allen Steuern befreiten Zigaretten in den 90er Jahren nachgesagt. Er nennt eine Luxusjacht plus Villa am Schwarzen Meer, ein Bergdomizil in der Schweiz, mehrere Luxuskarrossen sowie eine teure Breguet-Uhr, die einmal unglücklicherweise vor die Objektive von Journalisten geriet und kurz nach der Veröffentlichung auf der Patriarchatswebsite wegretuschiert wurde, sein Eigen.

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Geschichte als Werkzeug, ist klar

In Kürze wird eine Entscheidung der Föderalen Universität von Ural erwartet, die sich mit der Aberkennung des Doktortitels des russsichen Ministers für Kultur, Wladimir Medinskij, befassen soll.
Seine Doktorarbeit verdeutlicht direkt am Anfang das spezifische (Un)Verständnis des Ministers von Geschichte: “Die erste Frage, die die Geschichtswissenschaft ehrlich beantworten muss ist, inwiefern dieses oder jenes Ereignis oder private Tat den Interessen eines Landes oder Volkes dient. Das Abwägen von Russlands nationalen Interessen bildet einen absoluten Standart der Wahrheit und Glaubwürdigkeit eines historischen Werkes.” Einen Satz früher bezieht sich Medinskij übrigens auf einen O.A.Platonow, Autor solcher Werke wie “Das Geheimnis der Gesetzlosigkeit. Das Judentum und die Freimaurerei gegen die christliche Zivilisation”.
Man sieht also, der Mann weiß bescheid.

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Interessanterweise hat Medinskij es geschafft, in Geschichte zu promovieren, ohne vorher jemals Geschichte studiert zu haben: In seiner Politologiedissertation wurden von der russischen Antiplagiatsgemeinschaft “Dissernet” zahlreiche nicht angegebene “Entleihungen” entdeckt. Die ersten Geschichtsarbeiten Medinskijs wurden zwei Jahre vor der Promotion veröffentlicht, die fünf von ihm im Vorfeld des Promotionsverfahrens angegeben Monographien scheinen in Wirklichkeit gar nicht zu existieren. Eine Anfrage der Zeitung “Novaya Gaseta” an die staatliche Buchkammer[1] blieb ergebnislos.
So verwundert es nicht (wobei, eigentich schon, und wie), dass seine Arbeit nur so von faktischen Ungenauigkeiten strotzt, wie in dem Antrag dreier Wissenschftler an das Ministerium für Bildung und Wissenschaft detailliert beschrieben: So findet sich bei ihm die Dichotomie “Katholizismus”- “Christentum”, wird die slawische Sprache illyrisch[2] genannt und der italienische Historiker und Poet Enea Silvio Piccolomini (der spätere Papst Pius II.) mutiert zu einem “deutschen Humanisten”.
Die Entscheidung um Medinskijs Titel bleibt abzuwarten, aber dass die mögliche Aberkennung irgendeine Folge, wie z.B. einen Rücktritt mit sich ziehe wird, dass halte ich für sehr unwahrscheinlich…

Ich will noch ein Zitat von Medinskij anführen, in dem er, qua Amt gewissermaßen oberster Historiker des Landes, Stellung zur Entschleierung des Panfilow-Mythos bezieht: “[…]selbst wenn diese Geschichte von Anfang bis zum Ende ausgedacht sein würde, selbst wenn es Panfilow nie gegeben hätte, selbst, wenn es gar nichts gegeben hätte- es ist eine heilige Legende, die nicht einfach nicht angerührt werden darf. Menschen, die das Tut sind der letzte Abschaum.” Die Tapferkeit der “28 Panfilowzen”, Soldaten, die im Alleinga 18 auf Moskau vorrückende Panzer zerstören konnten, gehört zu den vielen Mythen des “Großen Vaterländischen Krieges”, die vom heutigen Staat genauso gepflegt und nicht hinterfragt werden, wie es in der Sowjetunion der Fall war. Der Krieg wird jeden Mai verherrlicht und als ” heilige Legende”, “Siegesmythos” und nationales Heiligtum, welches nicht angerührt werden darf präsentiert. Die Ansicht, es sei eine grauenvolle Katastrophe gewesen, in der kein Platz war für ewigen Ruhm und Stolz auf das Vaterland, welches den Soldaten in den Rücken schoss oder nach “Befreiung” aus deutscher Kriegsgefangenschaft wegen “Verrat” in den eigenen Arbeitslagern zu Tode schmorte, sucht man in den staatlich gelenkten Medien vergebens.
Wer diesem perversem Reigen entgegentritt wird vom Staat als Abschaum bezeichnet und auch so behandelt: Im Juni letzten Jahres zweifelte Sergei Mironenko, der Direktor des russischen Staatsarchivs, an der “Panfilow-Legende. Er bezog sich auf Untersuchungen der sowjetischen Militärstaatsanwaltschaft aus dem Jahr 1948, die ergaben, dass einige der Kämpfer überlebt hätten, einer sei in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten und habe sich für den Polizeidienst gemeldet. Kaum ein ruhmreicher Held, nicht wahr? Deshalb hätten Journalisten diese Geschichte erfunden, indem sie alle Kämpfer “sterben ließen” und sie so zu Märtyrern stilisierten.
Bald darauf, im März 2016, wurde Mironenko entlassen.

[1] Eine Institution, die für das statistische und bibliografische Erfassen aller in Russland herausgegebenen Bücher zuständig ist. 
[2] Die linguistische Bezeichnung für einen südlichen Sprachzweig der slawischen Sprachen wurde erst im 20. Jahrhundert eingeführt, konnte also kaum von einem italienischen Bischof im 16. Jahrhundert benutzt werden.

Wenn “die wahren Werte” “bedroht” werden…

Bis vor kurzem fand in Moskau eine Ausstellung des amerikanischen Fotografen Jock Sturges statt, die wohl das Leben einer FKK-Kommune zum Gegenstand hatte und auch Bilder von Kindern beinhaltete, die jedoch überhaupt nicht aufreizend und auch sonst mit Einverständnis der Eltern gemacht und ausgestellt worden sind.
Zwei Wochen lang lief alles gut, bis am 24. September die berüchtigte Senatorin Jelena Misulina[1] die Ausstellung als “Propaganda der Pädophilie” bezeichnete und sich an die Staatsanwaltschaft wandte, um die Werke überprüfen zu lassen. Die neue Kinderbeauftragte Anna Kusnezowa[2] hat das gleiche gemacht und die Hoffnung geäußert, “bevollmächtigte Behörden würden entsprechend handeln.”
So weit, so “gut”.
Am nächsten Tag jedoch wurde das Gebäude, in dem die Ausstellung stattfand, von Mitgliedern der nichtstaatlichen Organisation namens “Offiziere von Russland”, die sich für “den Aufbau einer patriotischen, gesetzestreuen Gesellschaft” einsetzt, blockiert. Kurz daraufhin hat sich der Vorsitzende der “Offiziere” die Ausstellung angesehen, um zu bewerten, ob Pornographie vorliegt. Nach dieser Aktion haben sich die Veranstalter entschlossen, die Ausstellung vorzeitig zu schließen.
Eine nichtstaatliche Organisation entscheidet darüber, was für die Bevölkerung gut ist, was man sich ansehen darf oder nicht, pflanzt sich vor der Ausstellung auf und lässt niemanden rein. Die Polizei scheint es überhaupt nicht zu interessieren, dass ihr das Monopol auf Staatsgewalt abspenstig gemacht wird, viel lieber verhaftet sie Mütter der Kinder von Beslan oder Menschen, die öffentlich aus der russischen Verfassung vorlesen..
Zufälligerweise blieben randalierende orthodoxe Aktivisten, die ein Rockkonzert oder eine LGBT-Party stürmten und auf die Veranstalter einprügelten ebenfalls vollkommen unbeschadet.
Am 28. September hat die russische Regierung übrigens dem Antrag von Misulina zugestimmt, Babyklappen zu verbieten. Nahezu gleichzeitig teilte Kusnezowa mit, sie würde sich “wie die ganze zivilisierte Welt” für ein Verbot von Abtreibungen “zugunsten traditioneller Familienwerte, Mutterschaft und junger Familien” einsetzen. Damit unterstüzte sie Patriarch Kirill, das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, der gestern eine Petition für Abtreibungsverbot unterschrieb.
Abtreibungs- UND Babyklappenverbot, muss man sich erstmal vorstellen…
Und zu guter Letzt, ein Fall aus der kleinen westrussischen Stadt Opotscka. Dort hat in einem Internat für hilfsbedürftige Kinder ein Mann gearbeitet, der mehrmals wegen Pädophilie verurteilt war. Man hat ihn trotzdem eingestellt und er konnte sich lange Zeit unbehelligt an den dort lebenden Kindern vergreifen. Ich bin auf einen fb-Post gestoßen, nirgendwo wurde darüber berichtet, keine Misulina oder Kusnezowa hat sich aufgeregt, waren wohl zu sehr damit beschäftigt, “entartete Kunst” ausfindig zu machen.

[1]Jelena Misulina: Ehemalige Dumaabgeordnete, war in der letzten Legislaturperiode für mehrere “wunderbare” Gesetze zuständig, z.B. Verbot für Adoptionen russischer Kinder durch ausländische Familien, Gesetz gegen “Propaganda der Homosexualität”, jetzt das Babyklappen-Verbot.
Zitat aus einer Pressekonferenz zum Thema häusliche Gewalt: ” Wir [Frauen] beklagen uns nicht, selbst wenn ein Mann sein Frau schlägt, gibt es keine größere Kränkung, als wenn ein Mann erniedrigt wird. Ein Mann darf nicht erniedrigt werden.”

[2] Anna Kusnezowa: Frisch ernannte Kinderbeauftragte, glaubt an Telegonie und die Wichtigkeit religiöser, sprich russisch-orthodoxer, Erziehung.