Hetze aus Staatsräson

Hetze aus Staatsräson: Wenn sich jemand abweichend vom “Grundkonsens” äußert, sich Gedanken macht, sich nicht von platten und hirnlosen Parolen beeinflussen lässt, sondern von Werten wie Humanismus und Mitgefühl leiten lässt, dann hat die Person es schwer.

Sie wird niedergebrüllt, als “Verräter” und “Feind” abgestempelt, Abgeordnete des Parlaments, beauftragen die Polizei, die Worte auf Extremismus zu überprüfen, Lehrer werden verdächtigt, ihrem Schüler “ideologisch zersetz”, “ihm falsche und schädliche Wertvorstellungen” eingepflanzt zu haben.

Das alles hat sich in den letzten Tagen wirklich zugetragen. Nachdem der Schüler Nikolaj Desjatnitschenko am Volkstrauertag eine Rede im Bundestag gehalten hat, ist in Russland ein Sturm ausgebrochen. Für die Paar Tage war sein Satz vom “unschuldig gefallenem Faschisten” die größte Bedrohung für die russländische Staatlichkeit, am Mythos des “Großen Sieges” zehrende patriotische Zombies haben Angefangen ihn der Rehabilitierung des Faschismus (=Nazismus) zu beschuldigen, der Polizei wurde von zwei Duma-Abgeordneten aufgetragen sich “der Sache” anzunehmen.
Die Mühe, sich zu informieren, den ganzen harmlosen, vielleicht etwas naiven und an ein Paar Stellen ein wenig ungeschickt formulierten Text des Schülers durchzulesen, haben sich die wenigsten gemacht.
Von der Tatsache, dass Putin letztes Jahr bei einem Treffen mit deutschen und russischen Schülern faktisch die gleiche banale Wahrheit (“Im Krieg sterben immer unbeteiligte, daher sind Kriege schlimm und unzulässig.”) verkündete, ganz abgesehen.

Aber dieser Fall ist nicht der einzige, der das kranke Verhältnis der russländischen Gesellschaft zum 2. Weltkrieg offenbart: Vor einigen Jahren hatte die Leitung einer Buchhandlung in Moskau enorme Probleme, weil sie das bekannte und großartige graphic novel “Maus” von Art Spiegelman ausgestellt hat. Der Vorwand, der irgendwelche scheinheiligen pseudomoralischen Holzköpfe aus dem Parlament aufgeregt hat: Auf dem Buchdeckel war ein Hakenkreuz abgebildet.
Hakenkreuz = “Verherrlichung des Faschismus”.

Ich wiederhole es nochmal: “Maus”, wohl eines der besten Werke zum Thema 2WK und Holocaust wurde einer “Propaganda des Faschismus” verdächtigt.

Leider ist es nicht der erste Fall, dass es in Russland bei Äußerungen von Einzelpersonen, die nicht der ofiziellen Vorstellung von Moral, Trauer etc. zu massiver Hetze durch die Öffentlichkeit, PolitikerInnen und Massenmedien kommt. Ich erinnere an den Fall von Bozhena Rynska und Arkadij Babtschenko vor gut einem Jahr, als sie sich kritisch zum Absturz eines Flugzeugs geäußert haben.

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Das Kalaschnikow-Gewehr als Kulturexport

Allen, die denken, Russland wolle den Frieden, man müsse nur auf das Land zugehen, den Dialog suchen, Sanktionen aufheben, die Bestzung der Krim als “dauerhaftes Provisorium”(c)CL akzeptieren und und und… diesen Leuten würde ich mal empfehlen, sich ins Moskauer Zentrum zu begeben.
Dort wurde heute eine riesige Statue des Ingeneurs und Waffenkonstrukteurs Michail Kalschnikow enthüllt.
Der “Kultur”minister Medinskij hielt eine Eröffnungsrede in der es u.a. hieß, Kalschnikow verkörpere die besten Tugenden eines russischen Menschen und das Gewehr sei eine Art russische kulturelle Marke (er benutzte das englische Wort “brand”).
Eine Art kulturelle Marke, Karl.
Gleichzeitig versucht die Moskauer Stadtverwaltung zu verhindern, dass ein kleines Schild zur Erinnerung an den im Frühjahr 2015 erschossenen Oppositionspolitiker Boris Nemzow an seinem Wohnhaus angebracht wird, obwohl sich alle Hausbewohner dafür ausgesprochen haben.
Die offizielle Begründung: Nach dem Tod einer Person müssen mindestens 10 Jahre vergehen, bevor Erinnerungstafeln u.ä. angebracht werden dürfen.
Kalaschnikow ist vor 4 Jahren gestorben und hat keinerlei persönlichen Bezug zu Moskau.
21616230_1907910039224841_9142232035626639492_n Photocollage des Karikaturisten Sergej Jolkin

Dieser Moment, wenn die Hauptdarstellerin einer beliebten sowjetischen Rotkäppchen-Verfilmung heutzutage bei Facebook gegen LGBT (“[…] Mein verhasstestes Wort ist Toleranz: damit werden schwerwiegende politische Entscheidungen begründet und menschliche Abweichungen maskiert. […]”) und Ukrainer (“kindermordende Viecher und Abschaum”) hetzt.

“Patriarch Kyrill I. hat am Montag bei einer Rede an der Universität im kirgisischen Bischkek die Ehe für alle mit Gesetzen aus dem Nationalsozialismus verglichen. Das berichtet die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti.

Demnach würde die Gleichbehandlung von Schwulen und Lesben im Ehe-Recht in vielen westlichen Ländern gegen das “moralische Wesen des Menschen verstoßen und daher Empörung hervorrufen wie Gesetze aus Nazi-Deutschland”, so Kyrill, der seit 2009 als Patriarch von Moskau das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche ist.

Der 70-Jährige behauptete ferner, dass in Ländern, in denen die Ehe geöffnet wurde, die Moral generell geschwächt werde. Deshalb gebe es viele Menschen, die genauso gegen die Ehe für alle rebellierten wie gegen “faschistische Gesetze oder gegen die Apartheid”. Er orakelte, dass Gesellschaften, die Schwule und Lesben trotz der Proteste aus dem Volk gleich behandeln, zusammenbrechen würden. Er glaube aber, dass die Ehe für alle nur eine vorübergehende Erscheinung sei.” (Quelle: Queer.de)

Naja, wie das Land, so auch das Kirchenoberhaupt.
Wobei es wahrscheinlich sinnlos wäre, vom ehemaligen KGB-Offizier Gundjaew (so der weltliche Nachname Kyrills) in seinem Leben “wahre christliche” Werte wie Demut, Offenheit, Toleranz u.ä. zu erwarten. So wird ihm ein großangelegter Handel mit als “Humanitärhilfe” ausgegebenen und daher von allen Steuern befreiten Zigaretten in den 90er Jahren nachgesagt. Er nennt eine Luxusjacht plus Villa am Schwarzen Meer, ein Bergdomizil in der Schweiz, mehrere Luxuskarrossen sowie eine teure Breguet-Uhr, die einmal unglücklicherweise vor die Objektive von Journalisten geriet und kurz nach der Veröffentlichung auf der Patriarchatswebsite wegretuschiert wurde, sein Eigen.

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Patriotisch-militaristische Erziehung


Im Erlebnispark “Patriot” bei Moskau geht es demnächst zur Sache: Der russische Verteidigungsminister will hier eine Kopie des Berliner Reichstags bauen lassen. Damit junge Patrioten authentischer das Stürmen üben können.
“Wir bauen im Park ‘Patriot’ den Reichstag. Nicht komplett, aber so, dass unsere Jungarmisten nicht einfach irgendetwas angreifen, sondern einen konkreten Ort.” Russlands Verteidingungsminister Sergei Schojgu.”

Geschichte als Werkzeug, ist klar

In Kürze wird eine Entscheidung der Föderalen Universität von Ural erwartet, die sich mit der Aberkennung des Doktortitels des russsichen Ministers für Kultur, Wladimir Medinskij, befassen soll.
Seine Doktorarbeit verdeutlicht direkt am Anfang das spezifische (Un)Verständnis des Ministers von Geschichte: “Die erste Frage, die die Geschichtswissenschaft ehrlich beantworten muss ist, inwiefern dieses oder jenes Ereignis oder private Tat den Interessen eines Landes oder Volkes dient. Das Abwägen von Russlands nationalen Interessen bildet einen absoluten Standart der Wahrheit und Glaubwürdigkeit eines historischen Werkes.” Einen Satz früher bezieht sich Medinskij übrigens auf einen O.A.Platonow, Autor solcher Werke wie “Das Geheimnis der Gesetzlosigkeit. Das Judentum und die Freimaurerei gegen die christliche Zivilisation”.
Man sieht also, der Mann weiß bescheid.

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Interessanterweise hat Medinskij es geschafft, in Geschichte zu promovieren, ohne vorher jemals Geschichte studiert zu haben: In seiner Politologiedissertation wurden von der russischen Antiplagiatsgemeinschaft “Dissernet” zahlreiche nicht angegebene “Entleihungen” entdeckt. Die ersten Geschichtsarbeiten Medinskijs wurden zwei Jahre vor der Promotion veröffentlicht, die fünf von ihm im Vorfeld des Promotionsverfahrens angegeben Monographien scheinen in Wirklichkeit gar nicht zu existieren. Eine Anfrage der Zeitung “Novaya Gaseta” an die staatliche Buchkammer[1] blieb ergebnislos.
So verwundert es nicht (wobei, eigentich schon, und wie), dass seine Arbeit nur so von faktischen Ungenauigkeiten strotzt, wie in dem Antrag dreier Wissenschftler an das Ministerium für Bildung und Wissenschaft detailliert beschrieben: So findet sich bei ihm die Dichotomie “Katholizismus”- “Christentum”, wird die slawische Sprache illyrisch[2] genannt und der italienische Historiker und Poet Enea Silvio Piccolomini (der spätere Papst Pius II.) mutiert zu einem “deutschen Humanisten”.
Die Entscheidung um Medinskijs Titel bleibt abzuwarten, aber dass die mögliche Aberkennung irgendeine Folge, wie z.B. einen Rücktritt mit sich ziehe wird, dass halte ich für sehr unwahrscheinlich…

Ich will noch ein Zitat von Medinskij anführen, in dem er, qua Amt gewissermaßen oberster Historiker des Landes, Stellung zur Entschleierung des Panfilow-Mythos bezieht: “[…]selbst wenn diese Geschichte von Anfang bis zum Ende ausgedacht sein würde, selbst wenn es Panfilow nie gegeben hätte, selbst, wenn es gar nichts gegeben hätte- es ist eine heilige Legende, die nicht einfach nicht angerührt werden darf. Menschen, die das Tut sind der letzte Abschaum.” Die Tapferkeit der “28 Panfilowzen”, Soldaten, die im Alleinga 18 auf Moskau vorrückende Panzer zerstören konnten, gehört zu den vielen Mythen des “Großen Vaterländischen Krieges”, die vom heutigen Staat genauso gepflegt und nicht hinterfragt werden, wie es in der Sowjetunion der Fall war. Der Krieg wird jeden Mai verherrlicht und als ” heilige Legende”, “Siegesmythos” und nationales Heiligtum, welches nicht angerührt werden darf präsentiert. Die Ansicht, es sei eine grauenvolle Katastrophe gewesen, in der kein Platz war für ewigen Ruhm und Stolz auf das Vaterland, welches den Soldaten in den Rücken schoss oder nach “Befreiung” aus deutscher Kriegsgefangenschaft wegen “Verrat” in den eigenen Arbeitslagern zu Tode schmorte, sucht man in den staatlich gelenkten Medien vergebens.
Wer diesem perversem Reigen entgegentritt wird vom Staat als Abschaum bezeichnet und auch so behandelt: Im Juni letzten Jahres zweifelte Sergei Mironenko, der Direktor des russischen Staatsarchivs, an der “Panfilow-Legende. Er bezog sich auf Untersuchungen der sowjetischen Militärstaatsanwaltschaft aus dem Jahr 1948, die ergaben, dass einige der Kämpfer überlebt hätten, einer sei in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten und habe sich für den Polizeidienst gemeldet. Kaum ein ruhmreicher Held, nicht wahr? Deshalb hätten Journalisten diese Geschichte erfunden, indem sie alle Kämpfer “sterben ließen” und sie so zu Märtyrern stilisierten.
Bald darauf, im März 2016, wurde Mironenko entlassen.

[1] Eine Institution, die für das statistische und bibliografische Erfassen aller in Russland herausgegebenen Bücher zuständig ist. 
[2] Die linguistische Bezeichnung für einen südlichen Sprachzweig der slawischen Sprachen wurde erst im 20. Jahrhundert eingeführt, konnte also kaum von einem italienischen Bischof im 16. Jahrhundert benutzt werden.