“Welches Verbrechen hat der Straßenprinz begangen?”

fragt sich der Journalist Aleksandr Minkin in seinem Blog auf der Seite des Radiosenders “Echo Moskwy”: “Folgende Nachricht ist eingetroffen: Im Mosakuer Zentrum hat die Polizei mit Gewalt einen Jungen festgenommen und weggefahren, der auf der Straße Gedichte vorgetragen hat. […]
Anfang Mai habe ich diesen Jungen auf dem Arbat[1] gesehen, er trug Hamlets Monolog “Sein oder nicht sein” vor.  Es war erstaunlich, denn er trug ihn mit Gefühl vor. Nicht wie ein Papagei, nicht wie , sondern mit Gefühl. Wenn auch etwas ungekonnt, das Atmen nicht gut beherrschend…

Er trank nicht in einer Hauseinfahrt, rauchte nicht, kritzelte keine Schimpfwörter auf Zäune. Er trug Passanten Shakespeare vor. Er verbesserte die Lage im Land. Wenn auch nur ein wenig, verbesserte er sie. Er tat das, was nicht ein einziges Mal, zum Beispiel der russische Premierminister geschafft hat.
Die Passanten gaben ihm ein wenig Geld, aber er ist kein Armer. Kein Bettler. 
Er ist ein Straßenkünstler. Ein Straßenprinz.

Die Polizei schnappte ihn am hellichten Tag. Die Straße war so hell.
Dem Kind drohte überhaupt keine Gefahr.

Man sieht so etwas und im Kopf schwirrt nur ein druckreifes Wort: Abschaum. Der Rest ist Mat[2] .”

Der Journalist Arkadij Babtschenko äußert sich auf seiner Facebook-Seite weitaus schärfer zum Video, welches die Festnahme des Jungen zeigt: “Wisst ihr, was mich am meisten bei diesem Video wundert? Das Kind schreit, weint, man hat den Kerl bis zur Hysterie gebracht, das Kind schreit “Hilfe”- mitten in der Hauptstadt schreit das Kind “Hilfe!”- UND ALLEN IST ES SCHEISSEGAL.
Dieses Mädchen kämpft um den Jungen, er bittet um Hilfe – UND ALLEN IST ES SCHEISSEGAL. Nur ein Paar kommt hinzu.
Ich habe mal geschrieben, dass die Revolution in diesem Land nicht aus politischen, sondern aus alltäglichen Gründen ausbrechen wird. Weil die Bullen oder Feuerwehrleute oder Ärzte wieder einmal nicht kommen werden, wenn ein Notruf erfolgt oder unqualifizierte Hilfe leisten werden, welche den Tod von Kindern mit sich führen wird- wie es schon viele Male vorgekommen ist-, und dann gehts los. Genau dieses Szenario schien mir am wahrscheinlichsten.
Ich hatte Unrecht. Ne, in diesem Land wird nichts passieren.
Vier Monate lebe ich nicht mehr in Russland. Und ich kann mir so eine Situation gar nicht mehr vorstellen. In Israel, wo ich mich zur Zeit befinde, ist es unmöglich von so etwas zu erzählen. Ob mit Video, ob ohne- man wird dir gar nicht glauben. Hier würde man für seine Kinder töten. Ob Bullen, ob sonstwen. Bullen übrigens zuallererst. So eine Sitaution, in der Menschen kommentarlos an einem Kind vorbeigehen, welches entführt wird und um Hilfe schreit, ist hier im Prinzip nicht vorstellbar.
Ein Land, welches sich am hellichten Tage nicht für die eigenen Kinder einsetzt…
Entweder wird die Polizeistation “Arbat”[3] morgen auseinandergenommen, oder das Land fährt zum Teufel.
Gute Nacht.”

[1] Arbat: Zentrale Straße in Moskau

[2] Mat: Russische stark tabuisierte Vulgärsprache