Argumente gegen eine Übergabe der Isaakskathedrale an Russisch-Orthodoxe Kirche

Natalia Vvedenskaya Facebook January 14, 2017 I realize everyone is already sick to death of the topic of St. Isaac’s Cathedral, and that today is a weekend day to boot. But I’ve been mulling this text over in my head for three days and struggling with the desire to write it down. I’ve been persuading myself there […]

via St. Isaac’s Cathedral Belongs to All Petersburgers — The Russian Reader

Russlands moderner Antisemitismus: Eine Kostprobe

Mehrere Wochen schon wird in Sankt-Petersburg gegen die Übergabe der Isaakskathedrale an die Russisch-Orthodoxe Kirche protestiert. Gründe für die Proteste ist sowohl die Sorge, das herausragende Museum würde mit der Übergabe an die Kirche aufhören zu existieren, als auch Ungereimtheiten bei der Übergabe als solche: Dem Stadtratsabgeordneten Boris Wischnewskij zufolge gäbe es zwar noch keine ofizielle Nachfrage von Seiten der Kirche, trotzdem würde die Verwaltung unter Gouverneur Poltawtschenko unter Missachtung aller bürokratischen und gesetzlichen Richtlinien schon erste Schritte zur Übergabe vornehmen.

Der Dumaabgeordnete Pjotr Tolstoi, Ururenkel des berühmten, seinerzeit übrigens mit einem Kirchenbann belegten, Schriftstellers kommentierte gestern die Proteste folgendermaßen:
“Von mir aus möchte ich anmerken, dass mir bei den Protesten um die Übergabe der Isaakskathedrale eine paradoxe Sache auffällt: Enkel und Urenkel von Menschen, die unsere Tempel zerstört haben, die 1917 aus dem Ansiedlungsrayon [=Landstreifen im Westen des russ. Kaiserreiches, heute Staatsgebiet Weisrusslands und der Ukraine, welches zur Ansiedlung von Juden vorgesehen war] mit Pistolen raussprangen… heute führen ihre Enkel und Urenkel […] die Sache ihrer Großväter und Urgroßväter fort.”
Mit dieser Aussage bedient Tolstoi zwei alte antisemitisches Narrative, nämlich erstens das von den Juden, die das Christentum hassen und ihm einen größtmöglichen Schaden zufügen wollen und zweitens dass die Oktoberrevolution von 1917 ein Machwerk von “roten jüdischen Komissaren” war, mit dem Ziel dass orthodoxe russische Volk zu unterjochen oder ganz auszurotten.

Upd: Nun nimmt der Dumasprecher Wjatscheslaw Wolodin Tolstoi in Schutz und behauptet, dieser hätte mit “Bewohnern des Ansiedlungsrayons” keine Juden, sondern Strafhäftlinge genannt. Eine absurde Behauptung, da im (modernen) russischen Sprachgebrauch der Ansiedlungsrayon ausschließlich als Teil der jüdischen Geschichte und Identität im Kaiserreich verstanden wird.