Russlandbild von “Deutschen” vs Russlandbild von “Russen”

Kann diesem Text leider in weiten Teilen zustimmen. Oft genug sind in Gesprächen mit gleichaltrigen deutschen Bekannten die Narrative “Russland wird von uns/den USA/dem-Weste ungerecht behandelt”, “Einkreisung durch die NATO”, “Aber gegen die USA sagt nie jemand was” vorherrschend.
Meine Argumente und mein Wissen um die die politische und soziale Lage in Russland unter Putin werden im besten Fall gar nicht zur Kenntnis genommen, im schlimmsten Fall als Unsinn und von US-Propaganda geschürte Wahnvorstellungen abgetan.

Ein Problem könnte dabei sein, dass sich “durchschnittliche Deutsche” es einfach nicht vorstellen können und wollen: Das massive Propagandaaufgebot, die feindliche Stimmung gegenüber “dem Westen” und den “westleichen Werten” Respekt, Tolernaz, Offenheit, Freiheit des Individuums, die als Unsinn gebrandmarkt und abgelehnt werden. (“Gayropa”, “Tolerastie” und “Der’mokratie” (von der’mo= Scheiße auf russisch) sind weit verbreitete Schlagwörter) eklatante Menschenrechtsverletzungen, die perverse Symbiose von Staat und russisch-orthodoxer Kirche, ein chauvinistischer Nationalismus und Festhalten an der “glorreichen” Vergangenheit der Sowjetunion.

Die vielen Probleme und Versäumnisse der USA hingegen sind vielfach bekannt, der Irakkrieg, Guantanamo, nicht zuletzt der NSA-Abhörskandal und vieles weitere mehr. Es fällt immer leichter, dass zu kritisieren, was man kennt, was man gewohnt ist, was man zumindest irgendwie einschätzen kann. Und weil man nun mal kaum oder nur eine oberflächliche Ahnung von den Geschehenissen in Russland hat, denkt man, dass in den achsobösen USA die Lage genauso schlimm wäre. Leute, die Lage ist n i c h t genauso schlimm. Michael Moore ist nach der Kritik an George Bush am Leben, anders als Anna Politkowskaja, Boris Nemzow oder Alexander Litwinenko. Milliardenschwere Konzerne wie Google, Apple oder Facebook gehören immer noch ihren Besitzern und Gründern, anstatt vor zehn Jahren vom Staat abgepresst worden zu sein. Momentan erleben die Amerikaner den dritten US-Präsidentenwechsel statt, Putin hingegen ist seit 2000 an der Macht.
Trotzdem gibt es Leute, die kein Russisch können, geschweige denn jeden Tag Nachrichten aus Russland zu lesen, vielleicht das erste Mal vor drei Jahren erfahren haben, dass Russland und die Ukraine n i c h t das gleiche sind und mir aber trotzdem in einer Diskussion erklären wollen, dass auf dem Maidan Faschisten unterwegs waren und alle Russen abgeschlachtet worden wären, hätte Putin sich nicht die Krim unter den Nagel gerissen und einen Krieg im Osten der Ukraine angefacht. Einem Land, welches Russland kulturell und historisch am nächsten Stand und immer viele familiäre und sonstige Verbindungen nach Russland hatte. Der Widerspruch, dass diese Leute vor einer “US-amerikanischen Kriegstreiberei” warnen, es aber gleichzeitig vollkommen in Ordnung finden, wie in Europa ein Staat einen anderen hinterhältig angreift und sich dessen Territorium einverleibt erstaunnt mich immer wieder… Ebenso wie die beiden d e u t s c h e n Typen die am 9. Mai letzten Jahres im Treptower Park mit dem Schild “Putin hilf uns, werde Kanzler!”. Aber da war die Dichte der großrussischen “Patrioten” und deutscher Sympatisanten ja auch besonders hoch…

 

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