Geschichte als Werkzeug, ist klar

In Kürze wird eine Entscheidung der Föderalen Universität von Ural erwartet, die sich mit der Aberkennung des Doktortitels des russsichen Ministers für Kultur, Wladimir Medinskij, befassen soll.
Seine Doktorarbeit verdeutlicht direkt am Anfang das spezifische (Un)Verständnis des Ministers von Geschichte: “Die erste Frage, die die Geschichtswissenschaft ehrlich beantworten muss ist, inwiefern dieses oder jenes Ereignis oder private Tat den Interessen eines Landes oder Volkes dient. Das Abwägen von Russlands nationalen Interessen bildet einen absoluten Standart der Wahrheit und Glaubwürdigkeit eines historischen Werkes.” Einen Satz früher bezieht sich Medinskij übrigens auf einen O.A.Platonow, Autor solcher Werke wie “Das Geheimnis der Gesetzlosigkeit. Das Judentum und die Freimaurerei gegen die christliche Zivilisation”.
Man sieht also, der Mann weiß bescheid.

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Interessanterweise hat Medinskij es geschafft, in Geschichte zu promovieren, ohne vorher jemals Geschichte studiert zu haben: In seiner Politologiedissertation wurden von der russischen Antiplagiatsgemeinschaft “Dissernet” zahlreiche nicht angegebene “Entleihungen” entdeckt. Die ersten Geschichtsarbeiten Medinskijs wurden zwei Jahre vor der Promotion veröffentlicht, die fünf von ihm im Vorfeld des Promotionsverfahrens angegeben Monographien scheinen in Wirklichkeit gar nicht zu existieren. Eine Anfrage der Zeitung “Novaya Gaseta” an die staatliche Buchkammer[1] blieb ergebnislos.
So verwundert es nicht (wobei, eigentich schon, und wie), dass seine Arbeit nur so von faktischen Ungenauigkeiten strotzt, wie in dem Antrag dreier Wissenschftler an das Ministerium für Bildung und Wissenschaft detailliert beschrieben: So findet sich bei ihm die Dichotomie “Katholizismus”- “Christentum”, wird die slawische Sprache illyrisch[2] genannt und der italienische Historiker und Poet Enea Silvio Piccolomini (der spätere Papst Pius II.) mutiert zu einem “deutschen Humanisten”.
Die Entscheidung um Medinskijs Titel bleibt abzuwarten, aber dass die mögliche Aberkennung irgendeine Folge, wie z.B. einen Rücktritt mit sich ziehe wird, dass halte ich für sehr unwahrscheinlich…

Ich will noch ein Zitat von Medinskij anführen, in dem er, qua Amt gewissermaßen oberster Historiker des Landes, Stellung zur Entschleierung des Panfilow-Mythos bezieht: “[…]selbst wenn diese Geschichte von Anfang bis zum Ende ausgedacht sein würde, selbst wenn es Panfilow nie gegeben hätte, selbst, wenn es gar nichts gegeben hätte- es ist eine heilige Legende, die nicht einfach nicht angerührt werden darf. Menschen, die das Tut sind der letzte Abschaum.” Die Tapferkeit der “28 Panfilowzen”, Soldaten, die im Alleinga 18 auf Moskau vorrückende Panzer zerstören konnten, gehört zu den vielen Mythen des “Großen Vaterländischen Krieges”, die vom heutigen Staat genauso gepflegt und nicht hinterfragt werden, wie es in der Sowjetunion der Fall war. Der Krieg wird jeden Mai verherrlicht und als ” heilige Legende”, “Siegesmythos” und nationales Heiligtum, welches nicht angerührt werden darf präsentiert. Die Ansicht, es sei eine grauenvolle Katastrophe gewesen, in der kein Platz war für ewigen Ruhm und Stolz auf das Vaterland, welches den Soldaten in den Rücken schoss oder nach “Befreiung” aus deutscher Kriegsgefangenschaft wegen “Verrat” in den eigenen Arbeitslagern zu Tode schmorte, sucht man in den staatlich gelenkten Medien vergebens.
Wer diesem perversem Reigen entgegentritt wird vom Staat als Abschaum bezeichnet und auch so behandelt: Im Juni letzten Jahres zweifelte Sergei Mironenko, der Direktor des russischen Staatsarchivs, an der “Panfilow-Legende. Er bezog sich auf Untersuchungen der sowjetischen Militärstaatsanwaltschaft aus dem Jahr 1948, die ergaben, dass einige der Kämpfer überlebt hätten, einer sei in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten und habe sich für den Polizeidienst gemeldet. Kaum ein ruhmreicher Held, nicht wahr? Deshalb hätten Journalisten diese Geschichte erfunden, indem sie alle Kämpfer “sterben ließen” und sie so zu Märtyrern stilisierten.
Bald darauf, im März 2016, wurde Mironenko entlassen.

[1] Eine Institution, die für das statistische und bibliografische Erfassen aller in Russland herausgegebenen Bücher zuständig ist. 
[2] Die linguistische Bezeichnung für einen südlichen Sprachzweig der slawischen Sprachen wurde erst im 20. Jahrhundert eingeführt, konnte also kaum von einem italienischen Bischof im 16. Jahrhundert benutzt werden.

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