Internationalismus am 1. Mai? Fehlanzeige

Während eines Umzuges am 1. Mai wurden in Sankt-Petersburg 15 Menschen festgenommen, schreibt die Petersburger online-Zeitung “Bumaga” (“Papier”):
– 10, weil sie in einer Antikriegskolonne Flaggen anderer Staaten (u.a. Großbritanniens, der USA, der Ukraine und der EU) hochhielten,
Nicht Symbole irgendwelcher verbotener terroristischer Organisationen, sondern einfach nur Flaggen anderer, mit Russland befreundeter und diplomatische Beziehungen unterhaltender Staaten,
– 3 LGBT Aktivisten, die in einer Gewerkschaftskolonne mitliefen. Die Polizei war der Meinung, dass die demonstrierten Regenbogenflaggen nicht der zuvor angemeldeten Demonstartionsabsicht entsprächen,
– die Aktivisten Warware Michailowa, die mit einem Porträt Putins in der Kolonne einer “Partei der Toten” mitlief,
– der letzte Festgenommene hat an der parallelen Demonstartion zur Freiheit des Internets und Unterstützung des in Russland blockierten Messengerdienstes Telegram teilgenommen. Gegen Ende der Veranstaltung baten Polizisten die Demonstranten, auseinanderzugehen. Der Mann erinnerte die Polizisten an den 31. Artikel der russländischen Verfassung (Garantie der Versammlungsfreiheit) und wurde kurzerhand festgenommen.

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Roskomnadsor vs Telegram

Du willst die Kontrolle über die Chats der eigenen Bevölkerung bekommen, lässt Telegram unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung blockieren, zerschlägst dabei durch wahllose Sperrung von gefühlt 4685363459876523 Heptillionen IP-Adressen nebenbei dutzende andere Websites, die auf die Cloud-Dienste von Amazon und Google angewiesen sind. Zeitweise funktionieren GMail und andere Dienste nicht, während Telegram munter weiterläuft.
Gleichzeitig melden russische Firmen einen Verlust von einer Milliarde Dollar wegen des Vorgehens der staatlichen Zensur- und Überwachungsbehörde Roskomnadsor.
???
PROFIT

Die absurde Situation wurde in den letzten Wochen mehrfach aufs Korn genommen, zum Beispiel durch folgende Videocollage aus der bekannten und beliebten sowjetischen Zeichentrickserie “Nu pogodi!”(= Na warte!). Der Wolf ist demnach Roskomnadsor und der erfolglos verdroschene Dörrfisch Telegram.

Guten Morgen

Der 17-jährige Witalij aus der Moskauer Oblast interessiert sich sehr für Chemie. In der Schule bekommt er stets gute Noten in diesem Fach und belegt regelmäßig den ersten Platz bei schulinternen und regionalen Chemiewettbewerben.
Auch außerhalb der Schule frönt er dieser Leidenschaft: In der Wohnung seiner Eltern hat er ein kleines Labor aufgebaut, in dem er Experimentierte durchführt. Oft kommt es zu kleineren Explosionen.
Die hellhörigen Nachbarn sind alarmiert und informieren den Inlandsgeheimdienst FSB. Daraufhin findet eine Wohnungsdurchsuchung statt. Witalij und seine Eltern werden angehalten, eine Schweigeerklärung zu unterschreiben.
Wenige Tage später, am 24. April wirft sich Witalij aus dem Fenster. In einer Abschiedsnotiz äußert er seine Verzweiflung, dass der Staat talentierte Jugendliche nicht brauche.
Von seinen Lehrern wird er als “ruhig, aber im Innern verletztlich” beschrieben.
* * * *
Den Mitgliedern eines Blindenvereins in der Stadt Chimki bei Moskau wurde vom Regionalbüro der Partei “Einiges Russland” ein speziell angefertigtes taktiles Porträt von Wladimir Putin geschenkt.

Kommt Ihnen die Geschichte irgendwie bekannt vor?
Mir auch.

Russländische Staatsmedien dienen nicht der Information, sondern der Propaganda

Der russländische Sender NTW dreht eine Reportage über die angebliche Hysterie und Angst der dänischen Bevölkerung Russland gegenüber.
Dabei werden u.a. auch einige Politiker und Menschen, die die “einfache Bevölkerung” repräsentieren müssen, interviewt.
Bei der Ausstrahlung merken die Interviewten jedoch mit Erstaunen, dass ihre Worte im russischen voice over vollkommen falsch und sinnentfremdet wiedergegeben werden.
Nachdem der dänische Sender “Radio24Syv” darüber berichtet, kommt aus der russländischen Botschaft in Kopenhagen ein höhnischer Tweet: Es gäbe in der Reportage, gar keine Interviews mit den betroffenen Personen. Kurz darauf stellt sich heraus, dass in einer “aktualisierten” Version der Reportage alle Interviews herausgeschnitten wurden.
Auf diese bemerkenswerte Tatsache angesprochen, gab die russländische Botschaft keinen Kommentar.

Zum x-ten mal Mist bauen, s o f o r t auffliegen, aber als Reaktion die Opponennten mit Häme und Spott überziehen und nicht mal im Traum daran denken, sich zu entschuldigen und das eigene Vergehen einzugestehen: Diese Taktik verfolgt der russländische Staat und alle seine Institutionen (Botschaften, Massenmedien, Ministerien, staatliche Konzerne) permanent. Sei es bei der Annexion der Krim, dem Kriegsstart im Osten der Ukraine, dem Abschuss der Boeing MH17, der Propagandabombe um das angeblich von Flüchtlingen in Berlin vergewaltigte Mädchen Lisa, der aufgeflogenen staatlichen Doping-Maschine während der Winterspiele 2014, den Beschuldigungen um Menschenrechtsverletzungen in Syrien oder die versuchte Ermordung des ex-Doppelagenten Sergej Skripal mit einem chemischen Kampfstoff mitten in England.

Übrigens, die Masche mit den falschen Übersetzungen interviewter Personen ist keinesfalls neu. Sie kam auch schon in einer Reportage über die Streiks in Frankreich im Mai 2016 großzügig zum Einsatz.

Professionelles und Argumentationsniveu der derzeitigeb russländischen Außenpolitik:
Sergej Lawrow, russländischer Außenminister behauptete, in den Körpern der in Salesbury vergifteten Sergej und Julija Skripal sei ein westliches Chemikat gefunden worden. Im Laufe der nächsten 1-2 stellte sich diese Behauptung als Lüge heraus.
Maria Sacharowa, die Sprecherin des russländischen Ministeriums beschuldigte die Briten am Mord an Kaiser Pawel I. (1801) und am “Wunderheiler” und dem kaiserlichen Ehepaar nahe stehenden Mönch Grigorij Rasputin (1916).
Sie können nur lügen und Märchengeschichten in die Welt setzten. Wer einen “ehrlichen” oder “verständnisvollen” Dialog wordert, macht sich lächerlich.

Ein Hauptaugenmerk legten die russländischen Staatsmedien bei der Beleuchtung des “Falls Skripal” den Haustieren des vergifteten Ex-Spions. Diese wurden kurz nach der Aufnahme der Ermittlungen von einem Tierarzt untersucht und schließlich eingeschläfert, weil sie auch erhebliche Mengen des Giftstoffes abbekommen haben.
Die russländischen Propaganda-Medien wären nicht sie selbst, würden sie sich nicht wie wild auf diese Episode stürzen, die Briten als seelenlose Tierquäler darstellen und voller Stolz berichten, dass die russische Katze den Fängen des blutigen und grausamen MI6 entflohen ist!

“Ebenjener Kater, ein Perser namens Nash van Drake, wurde nicht bloß eingeschläfert, sondern kremiert. Und nicht in einem Sonderkrematorium sonder- achtung!- mit einem einem Feuerwerfer. Eine Rohheit im Geiste des Mittelalters, als schwarze Tiere Diener des Teufels oder Helfer von Hexen genannt wurden.” (Eine Reportage im Programm “Westi”)
Russlands Chef-Propagandist Dmitrij Kiseljow fragt sich gar, ob die britische Königin in die Tat involviert ist:
” Ich persönlich frage mich, was mit der englischen Königin ist? Wird sie belogen oder steckt sie [mit Theresa May] unter einer Decke? Das einzige, was man sagen kann, ist dass sie das Verbrennen zweier Meerschweinchen nicht gutheißen kann. Mehr noch, der Kater wurde auch verbrannt. Er wurde gefangen, ermordet und verbrannt. Im Namen der Königin!”

So ein Vorgehen der russländischen Propaganda, also Fakten bis ins unkenntliche verdrehen, aufbauschen, außerhalb des Kontexts und bis aufs Äußerste emotional aufgeladen präsentieren ist nicht neu: Im Sommer 2014 wurde eine Lügengeschichte über einen von der ukrainischen Armee gekreuzigten Jungen in der Stadt Slawjansk gesendet, im Frühjahr 2016 erregte der Bericht über das Berlinerin Lisa die Gemüter. Russländische Medien und selbst Außenminister Lawrow behauptete, sie sei von mehreren Flüchtlingen vergewaltigt worden. Auch das eine Lüge. Das sind nur zwei weitere Beispiele, die mir spontan eingefallen sind, aber es gibt dutzende weitere.
Russländische Staatsmedien dienen nicht der Information, sondern der Propaganda.

Drei Tage nachdem in Kemerowo in einem Kino eingesperrte Kinder verbrannt worden sind beschuldigt die Sprecherin des russländischen Außenministeriums Sacharowa Großbritannien, es würde sich nicht um die Sicherheit des russländischen Staatsbürger sorgen.
Der Vizegouverneur der Oblast Kemerowo nennt die gestrige Demonstration der Stadtbewohner, bei der Aufklärung über die Hintergründe und Bestrafung der Schuldigen gefordert wurden, eine “durchgeplante Aktion zur Diskreditierung der Staatsmacht”.
Der Gouverneur Tuleev, dessen Absetzung gestern lautstark gefordert wurde hat sich nicht an das Volk gewandt, sonder sich bei Präsident Putin a.)für einen Anruf bedankt und b.) dafür entschuldigt, dass der Brand dem Präsidenten unannehmlichkeiten bereitet.
Die Senatorin Jelena Misulina sprach ihre Anteilnahme für Präsident Putin aus, denn es sei hinterrücks ein Angriff auf ihn erfolgt.