Wenn “unliebsamen Personen” Drogen zugesteckt werden

Der Leiter der tschetschenischen Abteilung der Menschenrechtsorganisation “Memorial”, Ojub Titiew, wurde am 9. Januar 2017 festgenommen, in seinem Auto wurden 180 Gramm Marihuana entdeckt. Während der Gerichtsverhandlung sagte Titiew, dass die Drogen ihm von den Polizisten während der Durchsuchung untergeschoben worden sind.

In einem Kommentar in der “Nowaja gaseta” beschreibt Jelena Milaschina, dass Titiew ein ausgezeichneter Sportler sei, vor dem Krieg als Kindertrainer gearbeitet habe, nicht rauche und auch im Alter von 60 Jahren jeden Tag 10 Kilometer jogge. Die Vorwürfe des Drogenkonsums seien daher lächerlich.

Titiews Verwandten wurden von Unbekannten angegriffen und haben, wie Medusa mit Berufung auf Titiews Anwalt Pjotr Saikin mitteilt Tschetschenien mittlerweile verlassen.

Bemerkenswert in diesem Kontext ist jedoch die Äußerung des damaligen stellvertretenden tschetschenischen Innenministers Apti Alaudinow im Jahr 2014, in der er Polizisten aufforderte, Verdächtigen “bei Bedarf” Rauschgift unterzuschieben.

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Zum heutigen in Russland gefeierten “Tag des Tschekisten”

Ein Schreiben des gefeierten Theaterregiesseurs Wsewolod Meyerhold an den Außenminister Molotow:

“Man hat mich hier geschlagen, einen kranken sechzigjährigen alten Mann. Ich wurde mit dem Gesicht nach unten auf den Boden gelegt und mit einem Gummiknüppelt auf den Rücken und die Fersen geschlagen. Wenn ich saß, dann schlug man mir von oben, mit großer Kraft, auf die Oberschenkel. In den folgenden Tagen, als sich umfassende Blutergüsse gebildet haben, schlug man auf diese rot-blau-gelben Stellen wieder mit dem Knüppel und der Schmerz war so, als würde man auf diese empfindlichen Stelle siedendes Wasser gießen (ich schrie und weinte vor Schmerz). Man hat mich auf den Rücken mit dem Knüppel geschlagen und aus Höhe ins Gesicht.”

Meierhold wurde am 2. Februar 1940 erschossen. Seine Frau Sinaida Reich wurde bestialisch ermordet, während er in “Untersuchungshaft” war. Es wird angenommen, dass NKWD-Mitarbeiter den Mord ausgeführt haben.
Die beiden waren war nur zwei Opfer unter vielen Intelektuellen, Schriftstellern, Künstlern und Wissenschaftlern, die dem stalinistischen Terror zum Opfer gefallen sind.
Heute, am “Tag der Mitarbeiter der Geheimdienste der Russländischen Föderation” und 100. Gründungstag des bolschewistischen Geheimdienstes TscheKa, werden die Henker von ihren Nachfolgern in Russland gefeiert.

TscheKa-OGPU-NKWD-MGB-KGB-FSB

Heute vor 100 Jahren wurde die “Allrussische Sonderkommission zum Kampf gegen Konterrevolution und Sabotage”, kurz “Tscheka” gegründet. Gut ein Jahr später begann der “rote Terror” gegen die Bevölkerung des zerfallenden russischen Kaiserreiches. Tausende Menschen vielen willkürlichen Erschießungen und Geiselnahmen durch den neuen “Arbeiter- und Bauernstaat” zum Opfer.
Mit den Jahren änderte die Organisation ihren Namen: In den Zwanzigern hieß sie OGPU/GPU, in den Dreißigern, während der wohl höchsten Gewaltspirale unter Stalin war der Name NKWD. Dieser neue Abschnitt wurde auch Terror gennant, diesmal war er nicht nur “rot”, sondern auch “groß”: 1937-38 wurden ca.1,5 Millionen Menschen zu langjähriger Lagerhaft bzw. Tod verurteilt. Nach dem Krieg war die Organisation nun in ganz Osteuropa tätig: Sie sollte die kommunistische Herrschaft in Deutschland, Polen, Ungarn und weiteren Ländern aufrechterhalten. Zu den abscheulichsten Verbrechern dieser Zeit gehört die Verhaftung und Ermordung des schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg, der in Budapest Tausende Juden rettete, indem er ihnen schwedische Visa gab. Bis heute wird den Angehörigen von Wallenberg die Einsicht in seine Akten und somit handfeste Informationen über seinen Tod verweigert.
In den Nachkriegsjahrzehnten bekämpfte der KGB jegliche Formen von Andersdenken und Freiheitsdrang. Menschen, die sich kritisch über die Zustände und ständigen Menschenrechtsverletzungen in der Sowjetunion äußerten wurden verfolgt, verhaftet oder, fast noch schlimmer, für wahnsinnig erklärt und einer grausamen psychiatrischen Behandlung unterworfen.
Während der letzten Atemzüge der UdSSR, versuchten die immer noch Tschekisten genannten Geheimdienstler im August 1991 Gorbatschow abzusetzen und die Reformen der letzten Jahre rückgängig zu machen. Zwar hat es damals nicht funktioniert und der “Augustputsch” war angesichts des massiven Widerstandes der Bevölkerung nach drei Tagen zu Ende und die Statue von Feliks Dserschinskij vor dem KGB-Hauptquartier wurde gestürzt, doch im Rückblick währten die Errungenschaften dieser Tage nur kurz. Siebzehn Jahre lang schon sitzt ein ehemaliger KGB-Oberst im Kreml und führt Politik mit den ihm bekannten Geheimdienstmethoden Lüge, Täuschung, Zynismus und Repressionen: Von den auf Tschetschen geschobenen aber mit großer Wahrscheinlichkeit vom KGB-Nachfolger FSB ausgeführten Wohnhausexplosionen in Moskau und Wolgodonsk 1999, die dem damals völlig unbekanntem Präsidenten in spe freie Hand zum Start eines neuen Krieges in Tschetschenien und hohe Popularität in der Bevölkerung einbrachten, über den Untergang des Atom-U-Bootes “Kursk” 2000, dendesaströsen “Geiselbefreiungen” im Dubrowka-Theater 2002 und der Schule in Beslan 2004 bis zum massiven Doping der russländischen Sportler*innen in Sotschi 2014 sowie der Krim-Annexion und dem Entfachen des Krieges im Osten der Ukraine im März-April desselben Jahres.

Lesenswerte Beiträge zur hundertjährigen Geschichte der sowjetischen und russländischen Geschichte sind das Interview des Historikers Jan-Claas Behrends in der “Welt” sowie der Überblickstext von Manfred Sapper für die Bundeszentrale für politische Bildung.

Das russländische Ermittlungskomitee befasst sich mit Ritualmordlegende

“Das Ermittlungskommitee wird eine psychologisch-historische [!!!] Expertise der Möglichkeit eines Ritualmordes an der Zarenfamilie durchführen.
Tichon Schewkunow, dem Vorsitzenden des Komitees der Untersuchung der sterblichen Überreste der Zarenfamilie [und angeblich dem geistigen vater Putins] zufolge[. werden die Ergebnisse der Untersuchung bald vorliegen. Die Anhänger der Ritualmordtheorie der Zarenfamilie weisen auf spezifische Zeichen auf den Wänden des Ipatjew-Hauses hin, wo der Kaiser erschossen wurde. Laut dieser Konzeption haben die Mörder ein mystisches Ritual durchgeführt, um in Person ihrer Opfer das orthodoxe Russland zu zerstören. […]”

Anscheinend sind dem Komitee die Jungs im Bundestag, oder aufmüpfige Regiesseure des Films “Mathilda” ausgegangen, sodass sie sich jetzt weiteren wichtigen Aufgaben und staatsgewährdenden Problemen widmen.
Dass dabei der vor hundert Jahren in monarchistisch-nationalistischen Kreise gängige Mythos, jüdische Bolschewiki hätten den russischen Zaren ermordet um Russland zu zerstören, aufgegrifen wird, ist für diese Menschen überhaupt kein Problem:

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(“Der Internationale geopfert”. Lenin ist in rot dargestellt, Trotzkij hält das Messer, Plakat aus dem Jahr 1919, Quelle: Artguide.com.

(Quelle des Textes: Echo Moskwy)

“Verrat- ein Klassiker der russischen Welt”

Unter dieser Überschrift postet der Journalist Denis Kasanskij ein Video auf seiner Facebook-Seite, in welchem ein Paar ältere Damen von der Organisation “Lugansker Garde” den abgesetzten LNR-Anführer Plotnizkij beschimpfen und gleichzeitig dem neuen LNR-Chef Pasetschnik ein Loblied singen.
Ein Auszug, von mir sinngetreu übersetzt: “[…] Ein Diktator ist weg! Von ihm [Plotnizkij] gab es nichts gutes, nur leere Versprechungen. Wir selbst haben in großer Armut gelebt. Und jetzt sehe ich ein Foto von Pasetschnik [der neue Anführer von LNR], ein seriöser, angenehmer Mensch! Er wird unsere Republik voranbringen, wir werden Teil von Russland. Ich glaube ihm und die Nenschen glauben ihm auch. Wir verehren ihn und werden ihm zu Füßen liegen.”

Kasanskijs Kommentar zu diesem Monolog:
“Es ist immer so. Sobald man Wenediktowitsch [Igor Wenediktowitsch Plotnitzkij] gestürzt hat, stellt sich heraus, dass er ein ukrainischer Agent und Diktator war und man während seiner Amtszeit schlecht gelebt hat. Drei Jahre lang konnte msn den Fein nicht nicht erkennen und ist jetzt zur Besinnung gekommen
Ein Klassiker der “russischen Welt”. Jeder Herrscher wird nach seinem Tod/Rücktritt zum Verräter, Alkoholiker, Psychopathen und Volksfeind erklärt und dem neuen Herrscher wird gehuldigt.
Selbstverständlich wird Pasetschnik mit der Zeit genauso verraten werden. Wenn er nicht mehr gebraucht werden wird, wird herauskommen, dass er “Junta” ist, ein Usurpator, blutiger Henker und, natürlich, auch ein ukrainischer Spion.
Die Flüche in seine Adresse werden von den selben netten Omas aufgezeichnet werden.”

Repressionen der Krimtataren durch die russländische Besatzungsmacht

Seit Beginn der russländischen Krim-Besatzung 2014 aka “Schutz der einheimischen Bevölkerung vor blutrünstigen Nazi-Horden aus der Rest-Ukraine” werden die Krimtataren, die viele Jahrhunderte lang auf der Krim leben, systematisch verfolgt.

So wurde im September 2016 der Medschlis, das zentrale exekutive Organ der Krimtataren, als “extremistische Organisation” eingestuft und verboten. Seinem Vorsitzenden Refat Tschubarow, sowie seinem Vorgänger, dem ehemaligen politischen Häftling und Menschenrechtsaktivist Mustafa Dschemilew wurde 2014 die Einreise in die Krim verboten. Im September dieses Jahres wurden die stellvertretenden Vorsitzenden des Medschlis, Ilmi Umerov und Achtem Tschijgos, zu zwei bzw. acht Jahren Haft verurteilt. Ihnen wurde die “Organisation von Massenunruhen” Ende Februar 2014, als die Krimtataren gegen die Abspaltung der Krim in der Hauptstadt Simferopol protestierten, angelastet.
Nahezu täglich werden Aktivist*innen verhaftet. Es gibt Fälle, von verschwindenden Menschen, die seit 2014 nie wieder gesehen worden sind.
Der neueste tragische Fall ist der Tod der 82-jährigen Wedschie Kaschka. Die Menschenrechtsaktivistin und Vorkämpferin für das Recht der Krimtataren, in ihrer Heimat leben zu dürfen, war eine geliebte Symbolfigur für die Krimtataren. Als am 23. November eine FSB-Einheit sie und zwei weitere krimtatarische Aktivisten verhaften wollten, erlitt sie einen Herzinfarkt und verstarb im Krankenwagen.
kashka
(Quelle: 15minut.org)

Schuld an ihrem Tod ist die repressive russländische Besatzungsmacht. Der russländische Staat, der alte Menschen, Schüler im Bundestag, vielfache Mütter, Umweltaktivist*innen, NGO’s, die das Unrecht in der UdSSR aufarbeiten für die größte Bedrohung hält und mit aller Macht jeglichen Widerstand im Keim erstickt.

Alle, die, aus welchen Gründen auch immer, die russländische Besetzung der Krim und den Krieg Russlands gegen die Ukraine im Donbass, die Hetze und die Repressionen gegen andersdenkende, kritische und reflexierende Stimmen in Russland selbst gutheißen oder (wie oft in Deutschland) relativieren, tragen moralisch die Mitschuld am Tod, Leiden und der Verzweiflung tausender Menschen.