Propaganda tötet

Vorletzte Woche kam in Russland die TV-Serie “Die Schläfer” raus. Darin geht es um dunkle Machenschaften der CIA die ausnahmslos alle oppositionellen Kräfte in Russland bezahlt und unter Kontrole hat: NGO-Mitarbeiter, Blogger, Journalisten, “liberale” Politiker… kurzum alle, die in den letzten Jahren in Russland als “Nationalverräter” und Feinde des Staates verunglimpft, tätlich angegriffen und bedroht werden.

Vor zwei Wochen wurde vom staatlichen Sender “Rossija 24” eine Reportage ausgestrahlt in der der liberale Radiosender “Echo Moskwy”( = “Echo Moskaus”) als Agent des US-Außenministeriums hingestellt worden ist.

Heute drang ein Mann in die Redaktion von “Echo Moskwy” ein und verletzte die Moderatorin Tatjana Felgengauer mit einem Messer am Hals.

Propaganda tötet. Egal, vermeintliche Feinde im Aus- (“ukrainische Faschisten) oder Inland(“US-Agenten” “Vaterandsverräter”) das Ziel sind.

41076749_303 So sieht Sergej Jolkin die Wirkung der Propaganda russischer Staatsmedien
(Bildquelle: DW Russian )

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In Donezk wurde der Journalist und Politologe Roman Manekin entführt. Unbekannte, die sich als lokale Polizisten vorgestellt haben, hätten sich gewaltsam Zugang in seine Wohnung verschafft, nachdem zuvor Internet, Strom und Licht abgestellt worden waren, schreibt Semjon Kusmenko, der Ex-“Verkehrsminister” von DNR (“Donezker Volksrepublik”).
Manekin war ein glühender Anhänger der selbsternannten “Republik” im Osten der Ukraine, war als “Berater der Regierung von DNR” tätig.
So meinte er, dass die “Armee des Donbass” weder vor den Gebietsgrenzen von Donezk und Lugansk, noch vor der Stadt Mariupol halt machen würde, sollte die ukrainische Armee “unter Einfluss der USA” Donezk angreifen.
Außerdem drohte er, der Donbass würde aus der Kontrolle von Putin-Berater Wladislaw Surkow, der für die Koordination der Beziehungen des Kreml zu seinen Marionetten zuständig ist, austreten.
Und dieser wundervolle Mensch wurde jetzt entführt, wahrscheinlich von Donezker MGB(=Ministerium für Staatssicherheit).
Nun ja, wenn man mit allen Kräften ein terroristisches, den Großmacht- und Zweiter Weltkriegsphantasien eines KGB-Hauptmanns mit Napoleonkomplexen entsprungenes Marionettenregime unterstützt, dann sollte man sich auch nicht wundern, wenn es einen selbst erwischt.

Zur Stalins Zeit, im Sommer waren es genau 80 Jahre seit Beginn des Großen Terrors 1937, wurden hochrangige Speichellecker und Parteifunktionäre, die gestern noch mit Schaum vor dem Mund gefordert haben, “Volksfeinde wie tollwütige Hunde zu erschießen” massenweise nachts abgeholt und entweder sofort an die Wand gestellt, oder zuvor noch gefoltert. Alle Beteuerungen, es liege ein Fehler, man müsse bloß Genosse Stalin bescheid geben, sei selber ein treuer Bolschewik etc. etc. haben da nichts geholfen.

Das Kalaschnikow-Gewehr als Kulturexport

Allen, die denken, Russland wolle den Frieden, man müsse nur auf das Land zugehen, den Dialog suchen, Sanktionen aufheben, die Bestzung der Krim als “dauerhaftes Provisorium”(c)CL akzeptieren und und und… diesen Leuten würde ich mal empfehlen, sich ins Moskauer Zentrum zu begeben.
Dort wurde heute eine riesige Statue des Ingeneurs und Waffenkonstrukteurs Michail Kalschnikow enthüllt.
Der “Kultur”minister Medinskij hielt eine Eröffnungsrede in der es u.a. hieß, Kalschnikow verkörpere die besten Tugenden eines russischen Menschen und das Gewehr sei eine Art russische kulturelle Marke (er benutzte das englische Wort “brand”).
Eine Art kulturelle Marke, Karl.
Gleichzeitig versucht die Moskauer Stadtverwaltung zu verhindern, dass ein kleines Schild zur Erinnerung an den im Frühjahr 2015 erschossenen Oppositionspolitiker Boris Nemzow an seinem Wohnhaus angebracht wird, obwohl sich alle Hausbewohner dafür ausgesprochen haben.
Die offizielle Begründung: Nach dem Tod einer Person müssen mindestens 10 Jahre vergehen, bevor Erinnerungstafeln u.ä. angebracht werden dürfen.
Kalaschnikow ist vor 4 Jahren gestorben und hat keinerlei persönlichen Bezug zu Moskau.
21616230_1907910039224841_9142232035626639492_n Photocollage des Karikaturisten Sergej Jolkin

“Patriarch Kyrill I. hat am Montag bei einer Rede an der Universität im kirgisischen Bischkek die Ehe für alle mit Gesetzen aus dem Nationalsozialismus verglichen. Das berichtet die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti.

Demnach würde die Gleichbehandlung von Schwulen und Lesben im Ehe-Recht in vielen westlichen Ländern gegen das “moralische Wesen des Menschen verstoßen und daher Empörung hervorrufen wie Gesetze aus Nazi-Deutschland”, so Kyrill, der seit 2009 als Patriarch von Moskau das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche ist.

Der 70-Jährige behauptete ferner, dass in Ländern, in denen die Ehe geöffnet wurde, die Moral generell geschwächt werde. Deshalb gebe es viele Menschen, die genauso gegen die Ehe für alle rebellierten wie gegen “faschistische Gesetze oder gegen die Apartheid”. Er orakelte, dass Gesellschaften, die Schwule und Lesben trotz der Proteste aus dem Volk gleich behandeln, zusammenbrechen würden. Er glaube aber, dass die Ehe für alle nur eine vorübergehende Erscheinung sei.” (Quelle: Queer.de)

Naja, wie das Land, so auch das Kirchenoberhaupt.
Wobei es wahrscheinlich sinnlos wäre, vom ehemaligen KGB-Offizier Gundjaew (so der weltliche Nachname Kyrills) in seinem Leben “wahre christliche” Werte wie Demut, Offenheit, Toleranz u.ä. zu erwarten. So wird ihm ein großangelegter Handel mit als “Humanitärhilfe” ausgegebenen und daher von allen Steuern befreiten Zigaretten in den 90er Jahren nachgesagt. Er nennt eine Luxusjacht plus Villa am Schwarzen Meer, ein Bergdomizil in der Schweiz, mehrere Luxuskarrossen sowie eine teure Breguet-Uhr, die einmal unglücklicherweise vor die Objektive von Journalisten geriet und kurz nach der Veröffentlichung auf der Patriarchatswebsite wegretuschiert wurde, sein Eigen.

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“Welches Verbrechen hat der Straßenprinz begangen?”

fragt sich der Journalist Aleksandr Minkin in seinem Blog auf der Seite des Radiosenders “Echo Moskwy”: “Folgende Nachricht ist eingetroffen: Im Mosakuer Zentrum hat die Polizei mit Gewalt einen Jungen festgenommen und weggefahren, der auf der Straße Gedichte vorgetragen hat. […]
Anfang Mai habe ich diesen Jungen auf dem Arbat[1] gesehen, er trug Hamlets Monolog “Sein oder nicht sein” vor.  Es war erstaunlich, denn er trug ihn mit Gefühl vor. Nicht wie ein Papagei, nicht wie , sondern mit Gefühl. Wenn auch etwas ungekonnt, das Atmen nicht gut beherrschend…

Er trank nicht in einer Hauseinfahrt, rauchte nicht, kritzelte keine Schimpfwörter auf Zäune. Er trug Passanten Shakespeare vor. Er verbesserte die Lage im Land. Wenn auch nur ein wenig, verbesserte er sie. Er tat das, was nicht ein einziges Mal, zum Beispiel der russische Premierminister geschafft hat.
Die Passanten gaben ihm ein wenig Geld, aber er ist kein Armer. Kein Bettler. 
Er ist ein Straßenkünstler. Ein Straßenprinz.

Die Polizei schnappte ihn am hellichten Tag. Die Straße war so hell.
Dem Kind drohte überhaupt keine Gefahr.

Man sieht so etwas und im Kopf schwirrt nur ein druckreifes Wort: Abschaum. Der Rest ist Mat[2] .”

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Moskau: Junge wegen Gedichtaufsagen festgenommen

“Im Zentrum von Moskau, im Arbatviertel, hat die Polizei einen Jungen festgenommen (unbestätigten Informationen zufolge soll er zehn Jahre alt sein). Er war mit seiner Mutter unterwegs, sie saß auf einer Bank und las ein Buch, er sagte ein Gedicht auf. Plötzlich fuhr die Polizei vor und der Junge wurde ohne Erklärungen in das Polizeiauto gesetzt. Dies teilte OWD-Info der Vater des Jungen mit.
Der Junge wurde der Mutter mit Gewalt entrissen und in das Polizeirevier Arbat gebracht (er fuhr ohne seine Eltern im Polizeiauto). Dem Vater zufolge wurde der Junge wegen Bettelns festgenommen. Der Mutter droht eine administrative Verfolgung wegen Widerstand gegen die Polizei. Dem Vater wurde gedroht, eine administative Verfolgung wegen Beleidigung der Polizei aufzunehmen.”
Mal'chika uvodjat

Quelle: OWD-Info (Original auf Russisch meine Übersetzung), ein Netzwerk, welches Polizeiwillkür, unrechtmäßige Festnahmen bei Demos u.ä. dokumentiert, Verfolgten Anwälte zur Seite stellt etc. Alleine die Tatsache, dass so eine Seite nötig ist, zeigt klar und deutlich, zum abertausendsten Mal, dass Russland ein willkürlicher und grausamer Unrechtsstaat ist. Man denkt jedes Mal, es gehe nicht schlimmer, bis ein Kind seinen Eltern auf offener Straße weggenommen und ihnen juristischen Konsequenzen gedroht wird. Bravo, das ist genau der richtige Weg: Die Menschen wie der letzte Dreck zu behandeln, als wenn die Zerschlagung aller Freiheiten und Grundrechte, das Stehlen von Milliarden aus dem Haushalt, um sich teure Villen zu bauen, das Abknallen, Vergiften mit Polonium, Verätzen mit Brilliantgrün, Verprügeln von Kritikern, das Starten einer öffentlichen Hetze und eines Krieges, welcher im ehemals nächsten und engsten Staat zehntausende von Opfern fordert, als wenn all das nicht genug wäre. Macht ruhig weiter so, aber werft zuvor vielleicht noch einen Blick ins Geschichtsbuch, wenn die Jahreszahl 17 bei euch keine Assoziationen weckt.

PS: Immer und immer wieder, die letzten drei Jahre nahezu täglich, werden meine Eltern in ihrer Entscheidung bestätigt, ihrerzeit nicht in diesem Land geblieben zu sein und mir und meiner Schwester das Aufwachsen dort erspart zu haben.
Dafür bin ich ihnen dankbar.

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Opposition wird weggeätzt- im wahrsten Sinne des Wortes

In letzter Zeit werden in Russland immer wieder im breitesten Sinne des Wortes Oppositionelle -PolitikerInnen oder NGO-AktivistInneen- auf offener Straße angegriffen. Dabei werden sie mit “Brilliantgrün” begossen, einem leuchtend grünen, ätzenden und in den ex-sowjetischen Staaten sehr weit verbreiteten Antiseptikum begossen. Diese ist sehr schwer abwaschbar und kann bei Gelangen auf Schleimhäute (insbesondere Augen) zu schweren und schmerzhaften Verätzungen führen.
Der jüngste Angriff mit der Chemikalie ereignete sich am 27. April: Der mittlerweile wohl bekannste russische Oppositionspolitiker, Korruptionsbekämpfer und Blogger Alexei Nawalny wurde von Unbekannten in der Nähe des Büros seines “Fonds zur Bekämpfung der Korruption” (FBK) angegriffen und das Grün ins Gesicht bekommen, später stellten Ärzte eine Verätzung seines rechten Auges fest.

C-bTf3lXsAMZXS2.jpg large               (Quelle: Twitter von Alexei Nawalny)

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